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Album der Woche: M.I.A. : Die völlig berechtigte Frage, was der Scheiß eigentlich soll

Wie, nach dem fünften Album soll Schluss sein? Für uns Zuhörer fängt es eigentlich gerade an, richtig Spaß zu machen! Bild: Viviane Sassen / Universal Music

Da ist sie wieder, diese komplexe, auf Krawall gebürstete Mischung aus Hip-Hop, Funk und Loops aus allem, was die Musik der Welt sonst noch so hergibt. Das kann nur eines bedeuten: M.I.A. hat ein neues Album veröffentlicht.

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          Die Musikerin M.I.A. ist niemand, der sich übermäßig beliebt machen will. Deshalb singt sie nicht über verflossene und zukünftige Lieben, sondern über das, was politisch und gesellschaftlich gerade drückt. Erst im November reagierte sie mit „Borders“ auf die Lage der Flüchtlinge im Mittelmeer. Ja, gähn, das machen sie ja alle, aber von ihr kommt eben kein klassischer Protestsong mit Geschrammel und Anprangerei, sondern vor allem ein Ausdruck großen Unverständnisses: „Borders“, so fragt sie, „what’s up with that?“ Das Ganze unterlegt sie mit einem grandios fotografierten Video, das die bekannten Medienbilder von den Zäunen und den Booten und den jungen Männern aufgreift und ins fast unerträglich Schöne zerrt.

          Andrea Diener
          Korrespondentin im Main-Taunus-Kreis

          Wenn es die Weltlage erfordert, kann man ruhig schon einmal so pauschal fragen, was der Scheiß eigentlich soll; vor allem, da Matangi Arulpragasam, so heißt M.I.A. im richtigen Leben, selbst im Alter von neun Jahren als Flüchtling aus Sri Lanka nach England kam. Ihr Vater kämpfte mit den militanten Tamil Tigers für einen unabhängigen tamilischen Staat, sie hatte Glück, entkam mit ihrer Mutter dem Bürgerkrieg und lebte sich in ihrem neuen Land ein, ohne abgeschoben zu werden. Andere haben weniger Glück. Und dann sind da natürlich die nationalistischen Stimmen, denen das Glück der wenigen noch gegen den Strich geht. M.I.A. landete in einer Sozialwohnung zwischen einer irischen und einer jamaikanischen Familie, verehrte The Clash, studierte Film an der Kunsthochschule, hing mit Bands ab, experimentierte mit einem Synthesizer und bekam einen Plattenvertrag.

          M.I.A. ist daneben auch eine Künstlerin der klaren Ansagen. Sie gab ihrem dritten Album einen ungooglebaren Titel, zeigte dem Super Bowl in Anwesenheit von Madonna auf der Bühne den Stinkefinger (vier Jahre Gerichtsverhandlung folgten) und änderte im „Borders“-Video das „Fly Emirates“-Trikot des Pariser Fußballclubs Saint-Germain zu „Fly Pirates“ (die Anwälte des Clubs schrieben prompt und reichlich erbost).

          Nun ist „Borders“ der Eröffnungssong von M.I.A.s neuem Album „AIM“, in dem es um Grenzen aller Art gehen soll. Aber ganz so ernsthaft und besorgt läuft die Angelegenheit nicht weiter, ganz im Gegenteil, schon an dritter Stelle folgt der wunderbar alberne „Bird Song“, in dem sie testet, wie viele Vogelmetaphern man in einen Songtext stopfen kann, untermalt von einer Musik, die klingt, als laufe eine hektische Horde Hühner vor irgendwas mit blubberndem Dieselmotor davon.

          Es sind keine Beschwerden enthalten

          Und das ist alles, nur nicht cool. Denn M.I.A. hat cool nicht mehr nötig, auch wenn es wahnsinnig viel Spaß gemacht hat, ihr in „Bad Girls“ dabei zuzuschauen, wie sie zusammen mit einer arabischen Girlgang die Jungs bei ihrem automobilgestützen Männlichkeitsgehabe rechts überholte. Das Gepose überlässt sie in „Matahdatah Scroll01“ jungen indischen Schwertkämpferinnen und einem ziemlich unglaublichen Tänzer aus der Elfenbeinküste. Zu allen Stücken auf AIM sollen Videos entstehen, die in zehn Ländern überall auf der Erde gedreht werden sollen. Für M.I.A. ist die visuelle Botschaft ebenso wichtig wie die musikalische, sie gestaltet ihre Videos stets sehr sorgfältig, schließlich hat sie ja einen Abschluss an der Filmhochschule.

          Dazu kommt das kulturelle Sampling, dessen Unbekümmertheit man keinem Künstler aus der westlichen Welt durchgehen lassen würde, ihr aber schon, denn sie hat einen Hintergrund, den man als multikulturell bezeichnen könnte. „Ich kann an Multikulturalismus nichts Schlechtes finden“, sagte sie einmal in einem Interview, und genau so hört und sieht sich die Sache auch an: der Rumpelbeat, die melodischen Loops, die indischen Melodiefragmente, die übereinandergesampelte Komplexität jedes einzelnen Stücks und der Sinn für Ironie, an dem sich schon einige amerikanische Hip-Hop-Experten die Zähne ausgebissen haben.

          Ihr bisher positivstes Album sei das, ließ M.I.A. verlauten, es seien keine Beschwerden enthalten. Und es sei ihr letztes. Ersteres glauben wir gern, aber dauerhaft die Finger vom Musikgeschäft zu lassen, fiel schon ganz anderen nicht leicht. Und eigentlich will man ja auch wissen, wie es jetzt mit dieser Künstlerin weitergeht, da sie mit 41 Jahren und nach fünf Alben endlich spielt, als wolle sie niemandem gefallen außer sich selbst.

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