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Album der Woche: Tricky : Krieg und Spiel der Geschlechter

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Was ist eigentlich aus dem Trip Hop geworden? Der Pate dieses Stils meldet sich zurück: Tricky kann immer noch nicht singen, aber das macht immer noch nichts.

          Er sei ein naiver Künstler, der keine Ahnung von Musiktheorie, von Noten, Takt und Harmonien habe, verriet Adrian Thaws alias Tricky einmal. Die einzige Möglichkeit, Musik zu machen, sei für ihn, möglichst nicht darüber nachzudenken. Was Tricky tut, wenn er in seinem Studio sitzt und intuitiv Songs komponiert, kann er auch nach zwanzig Jahren Berufserfahrung offenbar nicht genau sagen.

          Seit seinem Welterfolg mit der Band Massive Attack und seinem Solodebüt „Maxinquaye“ im Jahr 1995 gilt der in Bristol aufgewachsene Tricky als Vater des Trip Hop oder besser: des „Bristol Sound“, der Anfang der Neunziger aus der virulenten Post-Punk-Szene der Stadt schwappte und aus dem Hip-Hop entlehnte Loops und Breakbeat-Klänge frei mit allen möglichen Musikstilen verschmolz. Während Trip Hop als Genrebegriff schnell wieder eingemottet wurde, avancierte „Maxinquaye“ zu einem der einflussreichsten Alben der vergangenen zwanzig Jahre, Tricky war fortan ein überaus gefragter Musiker, der bald mit Weltstars wie Grace Jones, Alanis Morissette oder Björk zusammenarbeitete.

          Diese über den Songs schwebende Stimme

          Jetzt ist sein elftes Studioalbum erschienen: „Adrian Thaws“ (False Idols Records) . Noch immer hallt einem daraus der düstere, basslastige Einschlag des „Bristol Sound“ entgegen. Derbe Hip-Hop- und House-Beats dominieren das Klangbild vieler Songs. Dazu kredenzt Tricky einen bunten Strauß an Soul-, Blues-, Reggae-, Crossover- und Pop-Elementen.

          „Adrian Thaw“ ist im Grunde eine erstaunlich eingängige und tanzbare Platte geworden, ohne jedoch den typischen Tricky-Sound vermissen zu lassen, die Momente der Disparität und Dissonanzen, der brachialen Schnitte, mit denen mitten in einem Song völlig unterschiedliche Klangwelten aufeinander prallen. Dort, wo melodische Brücken sein sollten, tun sich bei Tricky mitunter klaffende Schluchten auf, kurze Einbrüche von Stille, bevor unvermittelt ein ganz neues Thema einsetzt.

          In „Keep Me in Your Shake“ beispielsweise ist das gedehnte Blues-Riff einer Gitarre zu hören, dann setzt übergangslos ein markerschütternder Bass ein, der sich anhört, als hätte jemand den Höhenregler erst zu tief und dann schlagartig viel zu hoch gedreht. „Nicotine Love“, die erste Single-Auskopplung, beginnt als hämmernder Dancehit und mündet abrupt in melancholisch wabernden Synthesizersphären, wie man sie von Justin Timberlake kennt.

          Und dann wieder diese säuselnde, oft nur als Flüstern über den Songs schwebende Stimme. Richtig singen konnte Tricky noch nie, sein kehliger Sprechgesang scheint aber geradezu einzigartig. Die eigentlichen Gesangspassagen überlässt er wie immer anderen, diesmal gleich mehreren, bisher wenig bekannten Sängerinnen. Neben der bereits auf dem Album „False Idols“ vertretenen Francesca Belamonte und der deutschen Reggaekünstlerin Nneka ist auch der Rapper und Aktionskünstler Mykki Blanco wieder zu hören. Blanco, ein bekennender Homosexueller, der beinharten Gangsta-Rap macht und sich mit grimmigem Gesicht im Minirock auf die Bühne stellt, ist die provokativste Figur in Trickys Ensemble.

          Wildes Zusammenspiel der Stile, Themen und Stimmen

          Tricky trat in den Neunzigern selbst als Rapper in Frauenkleidern auf und setzte damit erste Zeichen gegen die heteronormativen Stereotypen, die im Hip-Hop bis heute präsent sind. Jetzt lässt er in Liedern wie „Lonnie Listen“ und „Gangster Chronicles“ Blanco und die britische Rapperin Bella Gotti mit den Geschlechterklischees spielen. Gesellschaftskritik und politische Appelle dürfen bei Tricky nie fehlen. In „The Unloved“ spricht er über die Opfer organisierter Kriminalität und ruft zur Revolution auf. Und in „My Palestine Girl“ rappt er über die Unmöglichkeit einer Liebe im Gazastreifen, im Hintergrund sind Sirenengeräusche wie bei einem Bombenangriff zu hören.

          Es ist das anarchisch wilde Zusammenspiel der Stile, Themen und Stimmen, das „Adrian Thaws“ zu einem Album macht, das wie keines seiner Vorgänger klingt und doch einen originären Sound fortführt. Trickys Musik klingt jedenfalls auch nach zwanzig Jahren noch frisch und gegenwärtig. Er scheint genau zu wissen, was er tut, seinem genialisch-naiven Geist sei Dank.

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