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Album der Woche : Jedem Anfang wohnt ein Zauberer inne

So retro klingen sie dann aber gar nicht: Beginner. Bild: David Königsmann

Denn die Testsieger rappen wieder: Das Kollektiv Beginner liefert mit „Advanced Chemistry“ nach 13 Jahren endlich wieder ein Album ab – als tanzbare Selbstdemontage.

          Man möchte „Gandalf“ brüllen. Denn die Rückkehr der „Beginner“ mit neuem Album fühlt sich an, als wäre es die Schlacht von „Helms Klamm“ im „Herrn der Ringe“: „Erwartet mein Kommen beim ersten Licht des fünften Tages. Bei Sonnenaufgang.“ Gandalf, der alte Feuerwerker, versprach's und rauschte im entscheidenden Moment mit wehenden Gewändern, blendendem Licht und sattem Kriegshorn-Bass zurück ins Bild. Bei den Beginnern mussten die Fans 13 Jahre warten. Viel Solo-Karriere, Formtiefs (auch Rap ist Sport) und ein wenig Überdruss – die üblichen Band-Plagen eben. Unterdessen inszenierte sich populärer Deutsch-Rap gern finster und Spaß-befreit. Doch: Es gab und gibt begabte Kombattanten, die einen irren Fluss haben und eine  Rap-Energie aus sich heraus pumpen, als hätten sie acht Lungen. Nur galt die Leichtigkeit wenig; Knopfnicken ist Schwerstarbeit geworden.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Manche, die mit den sich damals noch „Absolute Beginner“ Nennenden groß geworden sind, hatten sich Mitte der Neunziger bereits durch leidige Phasen ihrer musikalischen Pubertät gekämpft. So auch der Autor – in seinem Fall:

          1. Oh, ein Radio! (Bravohits 8).
          2. Ich bin 14 Jahre alt und wütend, aber so wütend dann auch wieder nicht (Iron Maiden).
          3. Diffus, links und lustig (Die Ärzte).
          4. Ich möchte hier einfach nur wippen, (Absolute Beginner).

          Geschmacklich hinreichend gefestigt,  lauschte man dem bassgestützen Sprechgesang, nickte und lies die Wellenbewegungen den Rest machen – in hosenförmigen Jeanssäcken und zu großen Skate-Schuhen, die unter der Lasche wahlweise mit Socken oder  Fensterschwämmen für Autoscheiben ausgepolstert wurden.

          In jener Zeit praktizieren die Beginner ihre unnachahmlich federnde Liebe zum Rap. Nach dem Debut „Flashnizm“ (1996) bildet sich mit dem ersten Major-Labelvertrag die Kerntruppe der Hamburger Jungs mit dem Fuchs als Totem heraus: Eizi Eiz, Denyo und DJ Mad. Es folgen das Gold-Album „Bambule“, der erste Fernsehauftritt bei Kai Pflaumes „Nur die Liebe zählt“ und ein großer Coup bei der Musikshow „The Dome“, bei dem die Band unbemerkt von Freunden gedoubelt wird, während die wahren Beginner im Hintergrund mit Fuchsmasken tanzen. Mit Leichtigkeit wider den Hip-Hop-Ausverkauf. Das Album „Blast Action Heroes“ (2003) landet als eines der ersten deutschen Hip-Hop-Alben auf Platz eins der Album-Charts.

          Mit Klavier unterlegte Denkmalpflege

          Jetzt also „Advanced Chemistry“. Ein Name als tiefe  Verbeugung vor den Pionieren der gleichnamigen Rap-Formation aus Heidelberg, bestehend aus Torch und Toni L. So retro klingt es dann aber nicht. Das Intro „Ahnma“ drückt düster-massiv mit Schiffshorn-Fanfaren aus den Boxen und man befürchtet kurz, sich im Album vergriffen zu haben. Doch dann wird man erlöst, Eizi hebt an:

          „Ey yo, ich komm'; mit großem Herz und Pauken und Trompeten/Für die Obernerds und die saufenden Proleten/Die Messdiener, Crackdealer, Alt-68er/Alle sind happy, denn der Testsieger rappt wieder.“

          Das ist der Beginner-Anspruch: alle sind gemeint, alle werden integriert. Auch musikalisch, die Alten wie die Jungen. Deshalb darf Gzuz (unlängst Platz eins der deutschen Albumcharts) zusammen mit dem Reggae-Veteranen Gentleman die Hookline rappen. Auch wenn es manchen Fan aufregt: das ist die erste große Geste des Albums. Alle Mann an Bord. Einziger Wermutstropfen: Und die Frauen?

          „Es war einmal“, Track Nr. 2 – videotechnisch vermarktet mit einem wahnwitzigen Hamburger Staraufgebot – klingt leichtfüßiger. Es handelt sich aber um mit Klavier und Backroundgesang unterlegte Denkmalpflege: „Keine Ausbildung, wir setzten auf Rap/Bauten unserer Generation 'n fetten Soundtrack/Und als er rauskam, Alter, was da los war/MTV, VIVA, Radio, 'n Bravo-Poster.“ Na gut, wer die Beginner allein der Raps wegen kauft, ist selber schuld.

          Rap aus dem Seniorenstift

          Nachdem also die Eingangsfanfaren erschallt sind und das Denkmal poliert ist, wird in „Meine Posse“ die Familie gefeiert. Musikalisch ist es abgehtaugliches, niederfrequentes Dub-Gezerre. Aber wenn Sammy Deluxe als „fünfter Beatle“, „vierter Beginner“ und „dritter Stieber-Twin“ in gewohnt geschmeidiger Manier über den Beat fließt, als hätte es seit „Deluxe Soundsystem“ nichts anderes gegeben, gehen die Mundwinkel schon hier von ganz allein nach oben. Gleichsam bei Dendemann (ehemals Eins Zwo), der der Nummer „So schön“ – einer etwas seichten Ode an das weibliche Lächeln – mit seiner kleinen Tina Turner im Rachen wieder etwas Schub gibt. Doch die Kollaboration geht generationsübergreifend über die Grenzen der Hansestadt hinaus. In „Thomas Anders“ reimt Megaloh aus Berlin-Moabit mit dunkler Stimme über Minimalbeats und Instrumentalschnipsel. Der Offenbacher Rapper Haftbefehl darf in „Macha Macha“ zusammen mit den Füchsen über Trap- und Marsch-Rhythmen bellen. Und während man noch denkt, dass hier bei den Aggro-Rap-Fans herumgefischt werden soll, gelingt es den Beginnern in Track Nummer elf  zum Jahr 2016 aufzuschließen. Das macht Hoffnung, schafft aber auch Probleme. Denn: So sehr die smarten Wortkreationen ihren Schöpfer ehren, rap-technisch verblasst vor allem Denyo immer öfter gegen die  energiegeladenen Lines seiner Gäste. Ungerecht: Eizi kann nach zehn Jahren Profilschärfung und Experimentaltour immer noch rappen was er will – es geht ab.

          Nur politisch wird es nicht. Allenfalls leicht pädagogisch – wenn beispielsweise die Folgen des Suffs („Kater“) und des „digitalisierten Lebens“ („Spam“) verreimt werden: „Der Baron von Münchhausen fickte Robo-Cop/ raus kam eine Welt aus Autotune und Photoshop.“ Es gibt allerdings Stücke auf „Advanced Chemistry“, über die schweigt man besser. Eines beginnt so: „Wir sind im Haus/ihr seid daheim/wir gehen aus/und ihr geht ein.“ Auch der knallige Beat kann dann nicht darüber hinwegtäuschen: Das ist Rap aus dem Seniorenstift. So ist dieses Album wie die Gruppe selbst ihre „erste LP“ in dem Stück „Es war einmal“ beschreibt: ein „Gemischtwarenladen“ – mit Nähe zum Discounter. Doch das macht nichts, solange Gandalf an der Kasse steht.

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