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Album der Woche : Der schwarze Freitag, der ein Sonntag war

  • -Aktualisiert am

Lieber noch Kirschen essen - der Herbst kommt, auch wenn es keiner mehr glaubt, bei Element of Crime doch ganz gewiss. Bild: Charlotte Goltermann

Seit der Himmel jeden Morgen deine Augenfarbe trägt, hat die Platte einen Sprung: Das neue Album von Element of Crime, „Schafe, Monster und Mäuse“, ist trotzdem schön. Und am Ende wird am Schlesischen Tor getanzt.

          Der Hai ist für Sven Regener offenbar zu einer Obsession geworden. Erst die Ballade über den schlimmsten Fisch von allen, der zum Postboten der Winterdepression wird („Der weiße Hai“, 2009)  dann ein bierlauniges Quatschfilmprojekt mit Leander Haußmann inklusive Soundtrack („Hai-Alarm am Müggelsee“, 2013), und jetzt schaltet man die neue Platte von Element of Crime an, und wie lautet die erste Gesangszeile? „Grausam ist der Haifisch, und grausam bist auch Du“. Da muss ein Trauma vorliegen. Oder ein Traum zugrunde.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn das stetige Wiederauftauchen von Bildern und Motiven hat in der Songlyrik von Sven Regener Programm – fast wirkt es, als seien neue Songs und neue Alben seiner Band nur Verschiebungen und Verdichtungen einiger Grundthemen, die seit den Anfängen der Band, spätestens seit dem einschlägigen Werk „Damals hinterm Mond“ (1991), immer aufs Neue variiert, anders durchgespielt werden.

          Man kann das, negativ gewendet, auch als einfallsloses Selbszitat abstempeln, aber das trifft es in diesem Fall wohl nicht. Vielmehr will es scheinen wie ein ewiges Üben an denselben Elementarsituation des Lebens, eine Art „try again, fail better“.

          Deswegen wird aus dem „Sonntag im April“, der schon damals viel Regen brachte, nun der „erste Sonntag nach dem Weltuntergang“; der Freibad-Philosoph vom Album „Weißes Papier“, der immerhin noch etwas auszufechten hatte mit einer Geliebten, wenn auch nur am Nichtschwimmerbecken, ist nunmehr „Im Prinzenbad allein“. Eine Frau namens Karin, die früher schon ein Lied bekommen hatte („Kaffee und Karin“), bekommt nun einfach noch eins (es heißt, oh Wunder, „Karin, Karin“). Und die letzten warmen Tage in Berlin, an denen man in dem schönen U-Bahn-Lied „Alle vier Minuten“ noch einmal um die Häuser zog, weichen auf dem neuen Album einem Schlusslied mit dem Titel „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“.

          Das klingt nun wirklich grausam. Ist dem immer schon melancholischen Regener denn nun alles schwarz geworden? Der Song „Gewitter“ deutet unheilsschwanger darauf hin:

          Und ein heisser Wind verweht
          die Jahre, die ihr kennt
          Im Spätkauf ist Black Friday
          und im Stadion rennt
          ein alter Mann im Kreis
          der keine Schuhe braucht
          Und bitter schmeckt der Rauch
          Ein Gewitter kommt auf

          Zu einer solchen Großdiagnose hat sich der Beobachter der kleinen und kleinsten Dinge des Lebens zumindest in seinen Liedern noch selten aufgeschwungen, ein anspielungsreicher Buchtitel von Peter Rühmkorf schwingt da mit, und wenn dann auch noch „hinterm Kaufhaus des Westens“ ein LKW die letzten Reste abholt, wähnt man sich mit Regener, der gern auch von Edwards Gibbons „Verfall und Untergang des Römischen Reiches“ schwärmt, bald schon am Ende unserer Zivilisation.

          Jedem ein Sterni, dann kommt der Mond

          Aber ganz so schnell geht es dann doch nicht, vorher startet noch „Die Party am Schlesischen Tor“. Die Musik dazu klingt so seltsam vertraut wie die lyrischen Versatzstücke zuvor, sie ist ihrerseits eine Verschiebung und Verdichtung von mindestens zehn vorausgehenden Element-of-Crime-Liedern im Walzertakt, bei denen der größte Schrecken in einem kurz eingeschmuggelten Mollakkord besteht, bevor sich natürlich alles wunderbar zum Guten auflöst. Froh zu sein bedarf es wenig, nämlich nur eines Sternburger Pilses unter der Hochbahn:

          Jedem ein Sterni, und bald
          Kommt der Mond hinterm Parkhaus hervor.

          Das ist nicht von Goethe, es klingt eher nach Gerhard Falkners „Aldi bumm baldi“, und doch ist es schön. Die dunkleren Chansons zuvor kann es nicht ganz vergessen machen, aber zumindest für eine Nacht.

          Dann hat auch der weiße Hai mal Pause, und die Musiker von Element of Crime, die man sich, rein von ihren Bewegungen auf der Bühne, ohnehin eher vorstellen muss wie eine alte Walfamilie, haben noch ewig Zeit, gemächlich durch den Ozean der Lieder zu pflügen.

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