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Album der Woche: Jens Friebe : Lass uns nicht mitmachen, aber schön gemeinsam

Bild: Staatsakt

Das kritische Bewusstsein klopft den Takt auf einer Kokosnuss: Jens Friebes Album „Fuck Penetration“ sprüht vor Witz und heizt den Winterkamin auf Tanztemperatur vor.

          Die Titelpredigt der neuen Platte des Berliner Herzensingenieurs Jens Friebe heißt „Fuck Penetration“ (wie in: „Tod allen Fanatikern!“ oder: „Wer Schusswaffen benutzt, wird ab jetzt ausnahmslos erschossen!“). Diese Losung ist geeignet, eselsbrückenartig zusammenzufassen, was im einschlägigen Erbe der populären Paarungsverneinungsmusik mit Songs wie „Love und Romance“ („und“, nicht „and“!) von der Frauenpunkband The Slits oder „No Fgcnuik“ (ein Anagramm ohne Adresse im Lexikon) von der Nichtfrauenpunkband Nomeansno gemeint war, nämlich: Liebe und Sexualität sind zwar selten schlimmer als Krieg oder Folter, aber viele Spielarten der intensiveren Zweisamkeit bieten unsereins Humanoiden doch ziemlich blöde Lustköder für ekliges Rollenverhalten, die man unbedingt verschmähen sollte.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Jens Friebe sagt und singt das Nötige dazu, aber „Fuck Penetration“ ist nicht der Hit des Albums, das so heißt, wenngleich ein ansteckendes Gruppen-Händeklatschen in diesem Stück zur schönen Vögelstreik-Grundidee auch noch den sehr guten Zusatzgedanken beisteuert, dass man sich schlechten Sozialspielen besser gemeinsam als allein verweigert – wer’s auf eigene Faust versucht, wird ja schnell verschroben bis verrückt (immer noch besser als angepasst? Von außen vielleicht ...).

          Weit über das Zentralanliegen hinaus, das „Fuck Penetration“ kommuniziert, erfreut die ganze Produktion von den ersten paar Noten an mit einer antikoketten Publikumszugewandtheit, die gern auch stimmlich uneitel eiert wie der liebe Gott beim wortgesteuerten Sternemachen.

          Das Englisch des Herrn Friebe ist fein gekämmt: „When you are afraid of being worthless you become my enemy“, genau hier muss natürlich eine kleine Marschmusiktrommel hin, Vorwürfe an andere sollten ja diszipliniert und züchtig vorgetragen werden, sonst sind sie selbstgefällig. Klavier und Beat, Schmachten und Intelligenz gehen auf dieser Platte im naturnahen Gezeitenwechsel flüssig zusammen, ohne dass der Hauptdarsteller sich je seinem inneren Bruce Hornsby (Pseudonym für Joe Jackson als Phil Collins) ergäbe (Margarete Stokowski wird ja auch nie Marion Gräfin Dönhoff werden; die Türen nach gestern sind zu).

          Keine Angst vor geistfeindlichem Pöbel

          Still bewundern, ohne Tanz, muss man diese Platte nicht lange: Schon im zweiten Stück „Charity/Therapy“ kommt das „seltsame Wesen“ (so wörtlich) Mensch auf die Beine, dank Synthesizer-Spiegelglasplättchenkonfettiregen und einem Damenchor, der nicht dekorativ hinter oder unter dem Sänger herumträllert, sondern durch ihn hindurchgeht wie ein emanzipierter Wind durch nachdenkliche Gardinen. Ehrenamtliche Wohltätigkeit und bezahlte Hirnklempnerei, also „Charity“ und „Therapy“, kriegen in diesem Cantus über einem mit Deckfarben eingefetteten Rhythmus lyrische Dresche; Wissen und Glück dürfen sich dagegen zum Kuss aufgefordert fühlen, und sprachlich ist das alles, wie immer bei Friebe, so gut, dass die dümmsten Kundenkommentare im Internetwarenhaus erneut finden werden, der Typ habe wohl zu viel gelesen (Blödsinn: zu viel ist bei Popmusik immer genau richtig, beim Lesen wie bei Liebe, Kummer, Emphase). Angst hat Friebe vor dem geistfeindlichen Pöbel keine, deshalb grüßt er in den Danksagungen zur Platte ja auch vornehm parteilich eine Hans-Heinz-Holz-Lesegruppe („another win for international communism“, wie der todernste Blogstalinist Roland Boer sagen würde).

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