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Album der Woche : Bloß keine Szene

Sich einer Szene und dem Hype um elektronische Musik anzuschließen, widerspricht Bergers Hang zur Provokation. Bild: Pan European Recording

Der französische Elektropop der Achtziger wird gerade wiederbelebt: Von Flavien Berger, einem Sounddesigner aus Paris. Zum Glück hat sich in der Zwischenzeit etwas getan.

          Einen Moment lang stimmt an diesem Abend in der „Berghain Kantine“ etwas mit dem Synthesizer nicht. Er muss ihn jetzt abdrehen, dann wieder auf, so erklärt es Flavien Berger und lässt sich Zeit damit. Heiterkeit erhebt sich aus der Stille im Publikum. Er überhört sie, dreht an Reglern, drückt Knöpfe und kommentiert dazu auf Englisch. Dass es charmant, nicht peinlich klingt, liegt allein an den verschluckten „H“s und der Wohnzimmeratmosphäre. Als es weitergeht, hebt er die Hand wie ein Teenager, der schüchtern in die Ferne grüßt. Sorry, so bin ich halt. Zurück zum Wesentlichen.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Drei Stunden zuvor war Flavien Berger, flankiert von drei Freunden, im T-Shirt durchs Tor hereingelaufen, ohne dem stolzen grauen Nachtclub-Bau zu seiner Linken Beachtung zu schenken. Die Herbstsonne warf lange Schatten, Flavien Berger schlug auf einem Betonsims im leeren Hof ein Bein unter und verkündete, dass Festivals wie jenes in Hamburg, von dem er gerade kam, für seinen Geschmack zu viel Kommerz böten. Er war dort einem französischen Musiker begegnet, der ihm leidtat. „Der spielte für den Ruhm“, stellte Flavien Berger fest, und weil seine Fangemeinde fehlte, habe es lustlos und austauschbar geklungen. Wer auf der Bühne steht, muss es für die Musik tun, findet Berger. Er selbst habe überhaupt keine Erwartungen, wolle nur überrascht werden. Herbstblätter landeten in seinem langen, strähnigen Haar. Er ließ sie hängen.

          Seit Flavien Berger klingt wie ein Abkömmling von Jean-Michel Jarre, mögen seine Musik auch seine Eltern.

          Wie Léonie Pernet gehört Flavien Berger zu einer Generation junger Musiker, die gerade den französischen Elektropop wiederbeleben und sich dabei von Chanson, Techno und anderen Stilrichtungen beeinflussen lassen. Die Liste der in Zusammenhang mit seiner Musik erwähnten Namen wird von Serge Gainsbourg angeführt, den er liebt, von Kraftwerk, die er verehrt und von Étienne Daho, an den sich nur eingefleischte Fans erinnern, die in den Achtzigern zu Synthie-Beats Discofox tanzten. Bei der Kunstbiennale in Venedig 2017 trat Berger im französischen Pavillon auf. Seitdem interessiert man sich auch in Deutschland für den in Paris geborenen Einunddreißigjährigen mit dem Schlafzimmerblick. Sein Konzert in Berlin ist seit Wochen ausverkauft. Ihn interessiert die Musikszene der Hauptstadt allerdings nicht besonders. Was hat das, was er macht, schon mit Elektro zu tun?

          Sich dem Hype um elektronische Musik anzuschließen widerspricht Bergers Hang zur Provokation. Von Trashpop zu reden klingt eigensinniger. Also erinnert er an den genuin französischen Schlagerelektro der Achtziger, an seinen Wegbereiter Jean-Michel Jarre, der für den Papst spielte und den man heute nur noch auf Hochzeiten hört. Andere Vertreter dieses Genres blieben wie Elli et Jacno in erster Linie wegen ihrer Bühnenauftritte in Erinnerung: er hinter dem E-Piano, unbeteiligt Tasten drückend, sie wie das Pendel einer Uhr von einer Hüfte auf die andere schwingend. Und die Melodie von Julien Clercs „Melissa“ ist bis heute einer der impertinentesten Ohrwürmer der französischen Musik. Die Deutschen haben die expressive Selbstironie dieser Jahre nie verstanden. Flavien Berger liebt sie und zitiert sie in seiner Musik.

          Es hätte auch anders kommen können. Bergers Eltern kommen beide aus der Filmindustrie, sein Vater war Regisseur. Als Jugendlicher saß er viel vor dem Computer. Die Audiospuren seiner Spiele bastelte er auf dem Rechner zu sich stetig wiederholenden, steigernden oder überschlagenden Tonfolgen. Berger nutzte die Klangexperimente, um sich abzureagieren. Erst als er die Designhochschule ENSCI besuchte, sich zum Sounddesigner ausbilden ließ und von Kommilitonen darum gebeten wurde, ihre Filme zu vertonen, begann er, sein Langzeitprojekt als Musik zu bezeichnen.

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