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Jazzgitarristin Mary Halvorson : Die Kunst des kunstlosen Fallens

  • -Aktualisiert am

Mulmig überdreht: Mary Halvorson und ihre Band Code Girl Bild: James Wang

Sie mag den amtlich-mulmigen Jazzgitarrensound ebenso wenig wie die überdrehte Virtuosität im Rock, sondern orientiert sich eher an Bläsern: Mary Halvorson definiert mit ihrer Band Code Girl die Gitarrenmusik neu.

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          Als James Brown 1966 sein „It’s a Man’s Man’s Man’s World“ anstimmte, hatte er vielleicht auch die Welt der Jazzgitarre im Blick. Denn die war bis vor wenigen Jahren eine reine Männerdomäne. Dass sich das inzwischen geändert hat, ist nicht zuletzt der Wahl-New-Yorkerin Mary Halvorson zu verdanken. Während ihrer zahlreichen Studienaufenthalte war sie stets die einzige Frau, die das Griffbrett traktierte, und musste sich oft anhören: „Ganz toll für eine Frau!“ Dabei stammen Halvorsons Ideen und Konzepte aus einer Art Anti-Gitarren-Haltung. Sie mag den amtlich-mulmigen Jazzgitarren-Sound ebenso wenig wie die überdrehte Virtuosität der Gunslinger im Rock. Vielleicht nennt sie deshalb als Haupteinflüsse auch keine Gitarrenkollegen, sondern Bläser: „Eric Dolphy, John Coltrane und Miles Davis“.

          Eine weitere Auffälligkeit: Wer Bilder von Mary Halvorson mit ihrer Gitarre im Arm sieht, fragt sich, warum sich die zierliche Amerikanerin ausgerechnet in eine so riesige Archtop-Gitarre verlieben musste, die fast größer als sie selbst wirkt. Doch ihre „Guild Artist Award“ aus dem Jahr 1970 bietet ihr exakt jenen Klangfarbenreichtum, den sie für ihre Neudefinition der Jazzgitarre braucht. Das Instrument kommt deshalb auch in ihrem jüngsten, bisher ambitioniertesten Projekt zu Wort: Das Album „Artlessly Falling“ von ihrer Band Code Girl – der Name geht auf Anthony Braxton zurück, der Halvorson während einer gemeinsamen Tour den Spitznamen verpasste – wirkt wie eine großangelegte Stickerei aus Texten und Tönen.

          Die acht Songs, die Halvorson für ihr Sextett geschrieben hat, basieren auf bestimmten poetischen Formen. Acht Gedichte im Stil eines japanischen Tanka und eines Haibun, eines malaiischen Pantun, einer französischen Villanelle und einer Sestina, eines arabischen Ghasels, eines ,found poem‘ und einer freien Variation – all diese streng geregelten Konstrukte liefern mit ihren speziellen Reimen und Metren Vorgaben, die sich musikalisch in faszinierenden Rhythmen, Tempo- und Taktwechseln ausdrücken.

          Mary Halvorson’s Code Girl: „Artlessly Falling“. Firehouse 12 Records FH120401034
          Mary Halvorson’s Code Girl: „Artlessly Falling“. Firehouse 12 Records FH120401034 : Bild: Firehouse 12

          Wer nun meint, es handele sich bei derart reglementiertem Jazz um eine blutleere Kopfgeburt, wird spätestens nach den ersten Tönen des Openers „The Lemon Trees“ eines Besseren belehrt. Der exotisch mutierte Walzer entwickelt sofort eine magische Sogwirkung. Schuld daran ist nicht zuletzt die Stimme der Art-Rock-Ikone Robert Wyatt. Halvorson konnte ihn für drei Stücke aus seinem selbstverordneten Ruhestand holen. Wyatts Soloalben mit ihren traumverlorenen Klängen und verschrobener Poesie hatten nachhaltigen Einfluss auf ihr Jazzverständnis: „Robert ist einer meiner Helden – ein wahrer Individualist und Neuerer.“ Seine zärtliche Verletzlichkeit, die Fragilität seines sanften Nuschelns und Wisperns laden die Textzeilen mit widerständiger Melancholie auf: Als würde Wyatt darauf insistieren, sich trotz seiner fünfundsiebzig Jahre kindliche Unschuld und Anmut zu bewahren.

          Die ganze Band klingt wie ein weich atmender Organismus. Adam O’Farrill sorgt mit dem kühlenden Balsam seiner Trompetenlinien dafür, dass sich Bass, Schlagzeug und Gitarre in ihren Diskursen nicht überhitzen, während sich die Bewegungsbahn von Maria Grands Saxophonspiel in wärmenden Schleifen befriedet. Bassist Michael Formanek und Drummer Thomas Fujiwara verfahren nach der Doktrin „flexible response“: Formanek schafft mit muskulösem Basston das nötige Vertrauen für die Exkursionen Halvorsons, während Fujiwara ihr auf diesen Touren den Weg freischlägt. Egal ob sie gerade die brachiale Energie des Rock, einen Jazzpuls oder nervös-introvertierte Rasselgeräusche braucht.

          Die Massenkarambolage von Melodien wirkt verschwenderisch einfallsreich. Neben Wyatt gibt die Sängern Amirtha Kidambi den Songs eine bittersüße Signatur. Ausgebildet in der südindischen Karnatik-Tradition, hat sich Kidambi zu einer so vielfältigen Vokalistin entwickelt, dass sie einen Song von Nina Simone ebenso treffsicher interpretieren kann wie die Partie einer zeitgenössischen Oper. Mit ihrem elastischen Sopran konterkariert sie die oft schwermütigen Wortassoziationen der Texte. Da ist von „gekreuzigten Händen“, von mundtot gemachten, ungewaschenen Gedanken oder „von verkohlten russischen Puppen“ die Rede: Halvorsons Sprachschöpfungen sind ebenso dem Dadaismus eines Kurt Schwitters wie der Beat Generation verpflichtet. In „Last Minute Smears“ hat sie dagegen Zitate aus der kontroversen Senatsanhörung von Brett Kavanaugh neu arrangiert, bevor der zum Richter am Obersten Gericht der Vereinigten Staaten ernannt wurde.

          Während in „Mexican War Streets (Pittsburgh)“ plötzlich ein Black-Sabbath-Powerriff hervorbricht, erinnern die verzerrten Heavy-Rock-Passagen in „Walls and Roses“ an Halvorsons frühesten Einfluss: Jimi Hendrix. Ihr Gitarrenspiel ist unverwechselbar: knackige Pickings, federnd und spitz, überraschende Tondehnungen und Änderungen der Tonhöhe mit Hilfe eines Pitch Shifters, eingeblendete Geräusche von Computerspielen, schwere Verzerrungen und spinnenartig verknüpfte Improvisationen mit Trompete und Saxophon – immer wieder verdichtet Halvorson ihre Musik zu einem rätselhaft verlockenden Gebräu. Mit Code Girl liefert sie den endgültigen Beweis, dass sie die originellste Gitarristin ihrer Generation ist.

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