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Jahresrückblick : Zehn Alben, die wir auch im nächsten Jahr noch hören möchten

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Gar nicht mal so schlecht: Die musikalische Ausbeute des Jahres 2014 Bild: WDR/privat

Gute Musik erkennt man daran, dass der Sättigungseffekt ausbleibt. Bei diesen zehn Alben des Jahres 2014 haben wir schon beim ersten Anhören die Play-Taste zwei Mal gedrückt

          3 Min.

          1. Lana Del Rey – „Ultraviolence“

          Ob man in dieser Auseinandersetzung mit den uramerikanischen Themen Schönheit, Karriere und Sex nun Affirmation oder auch beißende Kritik heraushört (etwa bei dem Song „Fucked My Way Up to the Top“) – man wird daran kaum ungerührt vorbeikommen. Die Kunstfigur Lana Del Rey präsentiert sich akustisch wie auch visuell lasziv, während sie Balladen vom gefallenen Mädchen mit literarischem Format singt. Zusammen mit der großen Inszenierung ihrer Musikvideos wird daraus ein hochambivalentes Gesamtkunstwerk, das sirenenhaft betören und bisweilen Verwirrung zwischen Reiz und Ekel stiften kann. (wiel)

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          2. Alt-J – „This is All yours“

          Das Schlimmste, was einer gerade erst gegründeten Band passieren kann, ist, dass sie ein Meisterwerk aufnimmt. Denn eine Platte, die im Gedächtnis auf Repeat läuft, will man nicht durch eine neue ersetzen, und deswegen ist die Enttäuschung, die man beim Hören des nachfolgenden Albums empfinden wird, eine Art Naturgesetz. So war das auch mit „This is All Yours“ von Alt-J. „Nett, aber bei weitem nicht so genial wie das erste Album“ raunte es im Herbst durch die Fanszene. Aber das ist unfair: Denn „This is All Yours“ ist ein Großkaliber wie schon das Debütalbum „An Awesome Wave“ (2012), mit der gleichen hymnenartigen Qualität. (frei)

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          3. Ty Segall – „Manipulator“

          Nein, Ty Segall ist nicht der uneheliche Sohn des abgehalfterten Muskelmannes Steven Seagal, der in den Achtziger Jahren auf der Leinwand einen See im Dienste des Umweltschutzes in Brand gesetzt hat, sondern: der aufregendste und produktivste 60s-Neo-Garagepunk-Künstler der vergangenen Jahre. Und mit „Manipulator“ ist ihm mal wieder ein sagenhaftes Kunststück geglückt, nämlich ein Album aufzunehmen, bei dem man zwei Mal auf „Play“ drückt. Am Anfang. Und am Ende nochmal. (tota)

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          4 . The Barr Brothers – „Sleeping Operator“

          Für Nachtwanderer zwischen Folk, Country und Rock ist es die Entdeckung des Jahres: Eine hierzulande noch kaum bekannte Band aus Montreal, die zwischen Fingerpicking, Pedal Steel Guitar und – das ist das Besondere – Harfenklängen mit traumwandlerischer Sicherheit interessante Strophen singt. Zum Beispiel über das Wandern in der Tundra. Zum Beispiel auch bei einem phantastischen Konzert in Köln, zu dem sie sogar die Harfe mitbrachten. Wird man auch 2015 noch sehr gern hören, womöglich schon im Frühjahr nochmals live. (wiel)

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          5. FKA twigs – „LP1“

          Mit ihrem ikonografischen Albumcover hatte FKA twigs die Medien jedenfalls schon mal auf ihrer Seite. Die Musik selbst wirkte anfangs etwas unzugänglich, aber beim wiederholten Hören erschließen sich selbst die komplexen Strukturen der Beats, auf denen die Sängerin mit ihrer Falsett-Stimme herumturnt. Ein Album, an dem man sich länger erfreuen kann – schon weil man sich erst einmal einhören muss. Auf 2015 kann man auch aus einem weiteren Grund gespannt sein: Acra, der Produzent dieses Klanggerüsts, soll auch das kommende Album von Björk koproduzieren. (tama)

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          6. Erlend Øye – „Legao“

          Am liebsten würde man die Musik von Erlend Øye verflüssigen und sich ein Schaumbad daraus einlassen. Der König der Behaglichkeit hat eine Wohlfühlstimme, die wahlweise nach Lagerfeuer am Strand oder am Kaminfeuer in der Skihütte klingt. Øye, der sich nie entscheiden konnte, ob er nun akustische oder elektronische Musik machen sollte, vereint in „Legao“ seine charakteristische Stimme mit den Klängen einer isländischen Reggea-Band. Dass der Künstler viel und mit offenen Augen reist, hört man allein an den unterschiedlichen Einflüssen, die er mitnimmt. Dieses Reisealbum darf einen auch gern über 2014 hinaus begleiten, ob nach Korea, Sizilien oder in die Badewanne. (tama) 

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          7. Thom Yorke – „Tomorrow’s Modern Boxes“

          Wenn Paranoia eine Geräuschkulisse hat, muss Thom Yorke sie gestaltet haben. Sein zweites Soloalbum führt den verstörenden Weg in die Tiefen der elektronischen Musik fort. Ob mit seiner Band „Radiohead“ oder als Solist – Yorke pflegt den Widerstand gegen die Plattenfirmen. Das Album bietet er für ca. 5 Euro mit einem Filesharing-Protokoll an. Der Großteil des Erlöses geht direkt an die Künstler, der Hörer zahlt keine unnötigen Kosten. Ob die Musik lange bleibt, ist ungewiss – die experimentelle Verbreitung aber ist zukunftsweisend. (psch)

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          8. Caribou – „Our Love“

          Die Unaufdringlichkeit der Melodien, die geerdeten Frequenzen, die Details, die sich im Hintergrund ereignen - die Leerstellen, die der Hörer automatisch mit seinen eigenen Gedanken füllt: Das sind die Zutaten für die lange Halbwertszeit von Caribous Album „Our Love“. Ob das so vom promovierten Mathematiker berechnet war, ist unklar. Ein schönes Album hat er trotzdem produziert. (tota)

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          9. Future Islands – „Singles“

          Die Band Future Islands gibt es bereits seit elf Jahren, aber erst in diesem Jahr gelang ihr der Durchbruch. Dafür sorgte Sänger Samuel T. Herring in David Lettermans Late Night Show, mit einer sehr charismatischen Tanzeinlage. Die entfaltet ihre Wirkung aber erst zusammen mit Herrings Gesang, der zwischen Soul und Death Metal oszilliert. Zurecht ist die Band nun erfolgreich: die verträumten, entrückt wirkenden Synthesizer, die durch eine ferne Landschaft mäandern, werden durch den treibenden Rhythmus und die manchmal grobschlächtige Stimme des Sängers wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht. Schwebt man in einem Zwischenraum, dann ist diese Musik der Soundtrack dazu. (tama)

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          10. Andreas Dorau – „Aus der Bibliothèque“

          Dieses Album stand ganz am Anfang des Jahres 2014, wird aber auch bleiben, allein schon, weil es wohl das erste Pop-Konzeptalbum über die Leihbibliothek an sich ist. Der Hamburger Sänger Andreas Dorau fand in seiner Lieblingsfiliale am Hühnerposten Inspiration für Songs über so verschiedene Themen wie Wasserstoff, Sternzeichen und Serienmörder und machte daraus Ohrwurm-Chansons. Unglaublich, aber zu dem folgenden Refrain kann man tanzen: „Taschenbücher, Periodika, Musik und DVDs, alles ist da / Noten, Filme, Lexika, in der Leihbibliothek“. (wiel)

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