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Adriano Celentano wird siebzig : Che Eulenspiegel aus Mailand

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Seit vierzig Jahren kennen Deutschland, Europa, vor allem aber Italien den Mann mit der Reibeisen- und Gummistimme. Adriano Celentano ist das personifizierte widersprüchliche Italien. An diesem Sonntag wird er siebzig.

          Das soll noch ein Zweiter schaffen: In der dritten Generation genügt das Wort „Azzurro“, und jeder beginnt jenes Lied zu singen, das Adriano Celentano 1968 endgültig zum Star machte. Gleiches gilt für den vorangegangenen Knaller „Una festa sui prati“, auf den noch heute kaum eine Disconacht verzichtet. Seit vierzig Jahren also kennen Deutschland, Europa, vor allem aber Italien den Mann mit der Reibeisen- und Gummistimme.

          In Italien dürften es allerdings im Vergleich zum Rest zehn Jahre mehr sein - rechnet man seine Anfänge als Mailänder Komiker, den Start als Rocksänger, seinen Kurzauftritt in Fellinis „La dolce vita“ und den ersten Hit „Il tuo baccio è come un Rock“ hinzu. In aller Welt mag man „Che“ sagen und wird bald ein „Guevara“ hören. Wer in Mailand oder Neapel aber ein „Ce“ von sich gibt, wird fast unweigerlich mit „lentano“ ergänzt. Der Sänger ist Italiens Comandante, wendiger als der legendäre kubanische Revolutionär, aber in gewissen Weise auch radikaler. So radikal, dass er sich verrennen kann wie 1987, als er in seiner Liveshow „Fantastico“, einem „Quotenrenner“, abfällige Bemerkungen über Schwule machte. Auch als „Macho“ gröbsten Schlags bewies er sich. Italien erschrak, tobte - und litt mit ihm, diesem Eulenspiegel, der oft sich selbst traf.

          Ist mir piepegal

          Aber eben auch andere, und das zielsicher: Trotz Mahnungen und Drohungen der Fernsehdirektoren nutzte er 2001 seine Show „Francamente me ne infischio“ (Ehrlich, ist mir piepegal) und 2005 seine Serie „Rockpolitic“, um soziale und politische Missstände anzuprangern; seine Monologe wider Berlusconi trugen ihm Schlagzeilen ein - und überall neue Fans.

          Comebacks hatte er nicht nötig, nur einmal, als es während der neunziger Jahre sehr still um ihn wurde. Das war vergessen, als er 1998 mit Mina, der Göttin des italienischen Showbusiness, ins Studio ging. „La Tigra“, die seit 1978 jeden Auftritt verweigerte und „Ce“, dem selbige mangelten, eroberten handstreichartig die Hitparaden. Mina kehrte ins Exil zurück, von wo sie jährlich Bestseller-CDs schickt, Adriano Celentano blieb; 500.000 Vorbestellungen seines Albums „C'è sempre un motivo“ waren 2005 die Folge; 2006 verkauften sich die Dreierkassetten „Unicamente Celentano“ 350.000 Mal.

          Komiker mit Knautschgesicht

          Ein (ab Sonntag) Siebzigjähriger, für den Enkel wie Großeltern die Plattenläden stürmen? Ihre Dauerliebe liegt an der „Italianità“ dieses Mannes. Er ist das personifizierte widersprüchliche Italien: geboren 1938 im reichen Mailand als Sohn apulischer Eltern aus Foggia, die vor der Armut des Südens geflohen waren, Uhrmacherlehre nach wenigen Schuljahren - und der Ehrgeiz nach oben zu kommen. Spindeldürr und alles andere als ein mediterraner Schönling, rackerte er als Komiker und Imitator mit Knautschgesicht und Fernandel-Lächeln. Das kam ihm zugute, als er in den siebziger Jahren in Filmen auftrat; Klamotten meist, aber mit einer Portion Anarchie, gipfelnd 1980 in „Il bisbetico domato“ (Der gezähmte Widerspenstige), dem bis dahin erfolgreichsten heimischen Film in italienischen Kinos. „Gib dem Affen Zucker“ füllte 1981 auch die deutschen Kassen.

          Der Sieg 1970 beim Schlagerfestival von San Remo, dem italienischen Bayreuth des Schlagers, krönte einen hart erarbeiteten Aufstieg, in dem sich Millionen „Durchschnitts“-Italiener wiedererkannten. Sie hatten ihm die musikalische bittere Milieustudie „Il ragazzo di Via Gluck“ abgenommen und ihn für „La festa“ bejubelt. Otto, der nach einem seiner Filme eine todernste Ballade singt? In Deutschland ein Ding der Unmöglichkeit. In Italien liebt man Adriano Celentano dafür, dass er blödelt und zugleich mit Liedern wie „I mali del secolo“ die Welt als Hölle zeigt. Dass er aufhört, glaubt niemand. Schließlich holt Berlusconi wieder auf, was Celentano nicht ruhen lassen dürfte. Der wichtigste Grund, ihn nicht aufhören zu lassen, ist die Stimme: noch immer Reibeisen, noch immer Gummi, noch immer fesselnd, egal, ob man den Comandante oder den Barden hören will.

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