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Letztes Print-Magazin : Abschied von „Juice“

  • -Aktualisiert am

Mehr Promo als Journalismus? Die letzten „Juice“-Ausgaben Bild: Juice

Selbstinszenierung auf Social Media braucht kein Medium: Das Hiphop-Magazin „Juice“, das den Begriff Deutschrap prägte, stellt nach 22 Jahren seine gedruckte Ausgabe ein. Bisschen schade?

          3 Min.

          Meine erste Ausgabe war die Nummer 86, auf dem Cover hielt ein junger Bushido in rosafarbenem T-Shirt die Fäuste aneinander. September 2006, kurz nach dem Fußballsommermärchen. Ein noch jüngerer Bushido hatte gerappt: „Was für ein Gefühl, mich in der ,Juice‘ zu sehen / Ich brauch’ nur ein Blatt Papier, um in der ,Juice‘ zu stehen“. Ungezählte Songs folgten, in denen Rapper damit angaben, dass sie es aufs Cover von „Juice“ geschafft oder ein Cover von „Juice“ abgelehnt oder sie aufgrund einer fiesen, punktgenau gegen sie gerichteten Weltverschwörung noch immer kein „Juice“-Cover bekommen hatten.

          Diese Woche ist Nummer 195 erschienen, sie wird die letzte gedruckte Ausgabe von „Juice“ sein. Glaubt man der Redaktion, und jahrelang glaubte ich ihr jedes Wort, nimmt „Europas größtes Printmagazin für Rap und HipHop“ nicht Abschied: „Juice“ macht den berühmten nächsten Schritt nach vorne, indem das Magazin im nächsten Jahr „vollständig digital“ erscheint.

          Trotzdem fühlt sich das letzte Heft wie ein Abschied an. Am Ende eines Jahrzehnts, dessen meistgehörter Soundtrack in diesem Land Deutschrap war, erscheint das Magazin, dass den Begriff Deutschrap vielleicht erfunden und mindestens bekannt gemacht hat, das letzte Mal.

          Die Sprache war juicy

          Als noch keine Influencer und Sängerinnen auf Instagram zeigten, was man zu tragen und wen zu hören und wie man überhaupt zu sprechen hatte, da tat das die „Juice“. Einmal im Monat erschien der als Musikmagazin getarnte Styleguide mit einer Auswahl der richtigen Alben und Klamotten, beschrieben in einem Stakkato aus Vergleichen und Punchlines, das oft besser unterhielt als die Raptexte, über welche das „Juice“-Team schrieb. Da hatten Platten weder Hand noch Fuß so wie ein Leprakranker – die Sprache war juicy, kräftig und immer ein bisschen drüber.

          Ein paar Jahre lang kaufte ich fast jedes Heft, nach der Schule, bevor der Bus kam. An der Haltestelle fing ich an zu lesen, auf der letzten Seite mit der Kolumne des Hiphop-Obergeschichtslehrers Falk Schacht, und ich hörte erst auf, wenn ich bei den Kritiken wieder hinten angekommen war. Das gelesene Heft trug ich tagelang bei mir, weil ich stolz war, wenn mich jemand mit ihm sah, stolz, dazuzugehören.

          Wer die „Juice“ las, konnte einen Karl-Kani-Hoodie von einem H&M-Pullover unterscheiden und wusste, dass Kamp ein Genie und keine Bäckereikette war. Der „Juice“-Leser, und meistens war das ein Er, machte jeden Sommer auf dem „Splash“- Festival die Winkekatzenhände. Ich fand das, und die ganze männerschweißige Hiphop-Veranstaltung, nicht lächerlich.

          Ich wollte Verrisse und bekam Porträts

          Und dann war „Juice“-Redakteur irgendwann nicht mehr mein Berufsziel. Vielleicht mit neunzehn, zwanzig. Den Sprachwitz fand ich jetzt unlustig. Die Insiderverweise arrogant. Die irrwitzigen Vergleiche waren schief zusammengenagelt. Ich wollte Verrisse und bekam Porträts mit Beauty-Filter, wie sie die Promo-Agenturen als Pressetext rausschickten. Irgendwann in den Jahren, als ich immer mehr Rap-Songs hörte und auf immer mehr Rap-Konzerte ging, hörte ich auf, meinen Rap-Führer zu lesen, und ich denke nicht, dass das bloß am Internet lag. Zuvor im Kinderzimmer hatten die „Juice“ und meine andere Rap-Instanz, die Online-Sendung „Mixery Raw Deluxe“, ja auch ganz friedlich koexistiert.

          „Ökonomisch gesehen gleicht eine weitgehend unabhängige Produktion eines Printprodukts angesichts der aktuellen Marktlage auf lange Sicht einem langsamen, aber sicheren Selbstmord“, schreibt die Redaktion: „Print ist tot.“ Es stimmt ja: Selbstinszenierung auf Social Media braucht kein Medium, das sie ans Publikum vermittelt. Andererseits ist „ein langsamer, aber sicherer Selbstmord“ auch bloß ein Begriff für: Leben. Und zweiundzwanzig Jahre sind für eine Zeitschrift lang, da muss man nicht wehmütig werden.

          Höchstens wehmütig, weil da jetzt wenig Wehmut ist. Kaufte ich sie doch mal wieder, stellte ich fest, dass Artikel und Promotexte echt nicht mehr zu unterscheiden waren. Junge Rapper wie Mero, der auf Deutsch und Türkisch über ein „Best of“ der schlimmsten Ballermann-Beats rappt, konnte ich allein unverständlich finden, dafür brauchte ich kein Rap-Magazin.

          Und wenn ich die letzte Ausgabe lese und unter den zwanzig Alben des Jahrzehnts bloß eins einer Rapperin ist (Cardi Bs „Invasion of Privacy“), dann fällt es mir nicht schwer zu sagen: Tschüss, „Juice“. Bisschen schade trotzdem.

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