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Abbey-Road-Studios : Alle Ohren hören anders

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Das kann man aber nur hören, wenn die Lautsprecher es erlauben. Deswegen sitzen bei Sonos in Kalifornien Ingenieure und basteln an ihren Geräten, als ginge es um Raketenwissenschaft. Für eine Art Brett, auf das man seinen Fernseher stellen soll, um wieder mehr Klangtiefe zu bekommen, wurde monatelang an einer Schlange aus Rohr gearbeitet, die im Inneren der Kiste den Sound quer durchleitet. Herausgekommen ist dann ein Soundsystem in Form eines Podestes, in dessen Hülle 42 000 winzige Löcher gestanzt sind. Viel Aufwand für etwas, was früher mal einfach nur Lautsprecher leisteten, die man sich eben aufstellte.

Das reine Chaos

Und damit sind die digitalen Neuheiten noch nicht einmal erwähnt. Wie ein Lautsprecher gebaut sei, mache „immer nur 75 Prozent“ des Hörerlebnisses aus, sagt Martin. „Der Rest liegt heute bei der Software.“ Das kann durchaus etwas unheimlich wirken, schon weil es undurchschaubar ist, was da passiert. Sonos-Systeme sind immer nur per W-Lan verbunden – miteinander und mit dem Internet. Ohne dass der Besitzer es merkt, zieht der Lautsprecher sich selbst Updates und funktioniert dann immer etwas anders. Außerdem sei die Zeit vorbei, in der „Musikhören etwas Unidirektionales war“. Man müsse sich auch daran gewöhnen, mit seiner Musikanlage zu reden – in Amazons Alexa und Googles Home sind die neuen Lautsprecher gleich mit eingebaut. An diesem Punkt wird das Gespräch vage. „Wir wissen noch gar nicht, was das heißt.“

Martin zeigt lieber Bilder, Diagramme, spielt Testtöne vor – was kann das menschliche Ohr noch hören, was nicht mehr? Er spricht von Frequenzgang, also dem Phänomen, dass Lautsprecher oder Mikrofone in manchen Tonhöhen gut sind, in anderen nicht. Das perfekte Gerät hätte im Diagramm eine gerade Linie, könnte mit jeder Tonhöhe gleich gut umgehen. Martin seufzt und sagt: „Denken Sie an die Mikrofone von drüben, in den Studios.“ Das Neumann U47 ist das wohl berühmteste Studiomikrofon, die Originale aus den Fünfzigern kosteten mehrere zehntausend Euro. Die Linien, mit denen Tontechniker den Frequenzgang darstellen, gehen total durcheinander. „Das reine Chaos! Auf dem Papier ist es ein schlechtes Mikrofon.“ Für das Hörgefühl aber das beste der Welt.

So kommt all die Technik immer wieder an ihre Grenzen. Wir stehen nun in einem Regieraum der Abbey-Road-Studios am Mischpult – es ist so groß wie eine Schrankwand, 130 Kanäle, Tausende von Knöpfen. Plötzlich macht einer der Toningenieure eine Geste mit zwei Fingern, zeigt die ersten vier Regler ganz am Anfang des Pults. „So viel“, sagt er, „hatten die Beatles nur. Hat auch gereicht, um Großes zu erschaffen.“

Aber was macht denn nun beeindruckenden Sound aus? Wann ist ein Lautsprecher wirklich gut? „Ganz ehrlich?“, sagt Giles Martin, rutscht im Sessel umher und rückt seine schwarze Lederjacke zurecht. „Ganz am Ende wissen wir es überhaupt nicht. Es ist alles ein großes Herumprobieren. Wir sitzen monatelang hier, manchmal sind Leute mit den besten Ohren der Welt da, alle hören Prototypen an und sagen irgendwann: Das ist es.“

Das Bauchgefühl entscheidet. Anders haben die Beatles wohl auch nicht funktioniert.

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