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Nach fast 40 Jahren : Abba ist wieder da

  • -Aktualisiert am

Mitglieder der Kultgruppe ABBA auf einem Bildschirm beim Voyage-Event in Stockholm Bild: AFP

Ein monumentaler Moment in der Pop-Geschichte: Fast 40 Jahre nach ihre Trennung melden sich Abba zurück. Neben einem neuen Album soll es auch Konzerte geben. Doch bleibt auch der Abba-Zauber erhalten?

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          Wenn das keine Überraschung ist: 400 Millionen Jahre nach ihrer Trennung und nach fast 40 verkauften Platten sind Abba zurück! Nein, halt, es muss umgekehrt heißen. Die Welt steht ja Kopf angesichts der am Donnerstagabend live über Youtube verbreiteten Nachricht, die allerdings eine popgeschichtliche Sensation ist. Abba waren, vermeintlich bis in alle Ewigkeit, die Gruppe, die nicht zurückkehrt. Nicht mit Geld und guten Worten und auch nicht mit studiotechnischen Tricks, mittels derer zum Beispiel in den Neunzigern der längst tote John Lennon noch auf ein neues Beatles-Stück gebeamt wurde, waren sie aus der Reserve zu locken.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Und jetzt eben doch noch. Am 5.November erscheint, 39 Jahre nach dem bisher letzten Album „The Visitors“, ein neues, und am 27. Mai 2022 ist in London die Premiere einer Multimedia-Show, bei der die vier Mitglieder als 3D-Animationen zu sehen sind, die von zehn leibhaftigen Orchestermusikern begleitet werden. Der Kartenvorverkauf zu diesem Avatar-Auftritt, der eigentlich schon vor fünf Jahren hätte stattfinden sollen, beginnt am 7. September. Beide Projekte, Platte und Konzert, laufen unter dem Titel „Abba Voyage“.

          Um eine Zeitreise handelt es sich in der Tat. Noch nie in der Pop-, ja wohl überhaupt in der Musikgeschichte lag zwischen dem Ende und einem Neubeginn eine solche Spanne. Benny Andersson und Björn Ulvaeus, die Songschreiber, die zur BBC-Übertragung in London persönlich erschienen waren – die Frauen wollten offenbar nicht –, verwiesen auf die goldene Regel der Unterhaltungsmusik, nach der zwischen zwei Platten nicht mehr als 40 Jahre liegen sollten; daran habe man sich gehalten.

          Zwei entspannte Mittsiebziger saßen da und ließen sich von der Moderatorin Zoe Ball ausfragen über diesen „monumental moment in pop history“. Das Songschreiben, sagten sie, mache einfach unwahrscheinlich viel Spaß; also hätten sie damit einfach wieder zusammen angefangen, nachdem jeder lange seine eigenen Sachen gemacht hat. Sie seien all die Jahre auch nie wirklich weg, ihre Lieder immer präsent gewesen.

          Das trifft zu. Wobei diese überall anschlussfähige makellose Musik in ihrer eigentlichen Bedeutung erst nach dem Ende der Gruppe so richtig erkannt wurde. Viele, die sich zu deren aktiver Zeit abfällig darüber äußerten, fanden irgendwann doch Gefallen daran; in den siebziger Jahren war es, von einer gewissen Altersgruppe an, einfach nicht cool, Abba zu mögen. Das ist heute anders. Generationen- und milieuübergreifend wurde die Hinterlassenschaft der heute angeblich wieder freundschaftlich miteinander verkehrenden zwei Ex-Ehepaare zum Weltkulturerbe, wie die naturgemäß partyhaft inszenierte, aber auch etwas opportunistisch wirkende globale Übertragung aufs neue zeigte.

          Was die künstlerische Substanz dieses lange für unmöglich gehaltenen, auch von den Musikern ausgeschlossenen Comebacks betrifft, so wird man abwarten müssen. Die beiden neuen Lieder, die jetzt vorgestellt wurden („I Still Have Faith in You“ und „Don’t Shut Me Down“) atmen den melancholisch verhangenen Geist des Spätwerks, das nunmehr ja fast schon als Frühwerk betrachtet werden muss, entbehren jedoch des melodischen und vor allem des rhythmischen Schwungs. Sie sind, um es deutlich zu sagen, etwas lahm.

          Ob es noch nennenswertes neues Material geben wird, wurde nicht ganz klar. Die Komponisten sprachen von 22 Liedern, die bei der Bühnenshow im kommenden Mai zu hören sein werden, darunter zwei neue; aber man hatte den Verdacht, dass es sich mit der Platte, auf der auch noch ein Weihnachtslied sein soll, nicht viel anders verhalten wird. Vielleicht, hoffentlich nicht, wird man bald feststellen müssen, dass der alte Zauber, den ihre Musik ohne jeden Zweifel hat, dann ein wenig dahin ist – oder im Gegenteil erst recht wieder spürbar wird. Nun ja, viel zu verlieren haben sie nicht, denn: The winner takes it all.

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