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Pop : Vater besoffen, Mutter verloren

  • -Aktualisiert am

Keine Musik für Schönwetterspieler: „The Beautiful South” Bild: Sony/BMG

Ihr letztes Album war schwach, doch mit „Superbi“ singen „The Beautiful South“ nun ein Loblied auf die lebenströstende Bedeutung der Musik. Eine krisenfestere Klang-Mixtur aus Folk, Soul und Pop kann man sich nicht wünschen.

          „The Beautiful South“ wurden 1989 von Paul Heaton auf den Trümmern der „Housemartins“ gegründet und hatten einen mehr als guten Einstieg. Die nahezu makellose, melodienselige Musik knüpfte an das Erbe sozialkritisch relevanter Interpreten wie „ABC“, Smokey Robinson, Marvin Gaye und Stevie Wonder an, obwohl sie weit davon entfernt schien, sonderlich soulful zu sein. Der Ruf der linksgerichteten „Housemartins“, die den upbeat- und riffbetonten Garagenklang der sechziger Jahre imitiert hatten, hielt so lange vor, daß auch Schwächephasen keinen Schaden anrichteten.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Die „Housemartins“ hatten mit dem A-cappella-Hit „Caravan of Love“ etwas in die britische Popmusik eingeführt, das neu wirkte, ohne es eigentlich zu sein: die Mischung aus Schönheit und Sarkasmus. Dieses Konzept mußte nur noch verfeinert werden, und „The Beautiful South“ taten es - geduldig und, dank indizierten Plattencovers und Liedes, mit Hang zum dezenten Skandal.

          Süffige Musik-Mixtur

          Seit je gönnt sich die Band, die es wohl endgültig aufgegeben hat, bei den Amerikanern noch zu reüssieren, den Luxus dreier Leadsänger, die, jeder für sich, wenig bemerkenswert klingen; aber sie machen das Beste daraus. Das übrige besorgen die ausgetüftelten, immer ein wenig jazznahen Arrangements, welche „The Beautiful South“ seit je zu einer überdurchschnittlichen Band machten, die freilich selten zum Äußersten geht. Der Reiz ihrer Musik liegt im Kontrast zwischen Form und Aussage. Der Wechsel von Briana Corrigan zu der ausgekochten Jacqueline Abott gedieh ihnen nur zum Vorteil; und selbst deren Ausscheiden verkraftete die Band, wie man nun an dem im Gesamtbild überzeugendsten, gerade erschienenen Album „Superbi“ überprüfen kann.

          Eine derartig süffige, vielseitig instrumentierte Mixtur aus Countrypop, Soul und Folk war nach dem schwachen letzten Album jedenfalls nicht mehr zu erwarten gewesen. Der Auftakt „Rose of My Cologne“ ist eine Country-&-Western-Nummer voller Trinkermelancholie und Abgeklärtheit, ein idealer Einstand für Alison Wheeler, die hier wie eine Saloon-Besitzerin jenseits der Fünfundvierzig krakeelt: „Daddy was a local drunk/Mommy was the loosest girl in town.“ Was soll aus solchen Kindern werden? „The Beautiful South“ ziehen daraus die einzig richtige Konsequenz: Härte gegen sich selbst, beizeiten erwachsen werden. Diese Band war nie darauf aus, die Sehnsüchte der Jugend zu bedienen, und Paul Heaton immer der Meinung, daß „Popmusik immer nur um die Probleme der Teenager kreist, obwohl die Angst des mittleren Alters übler ist und zuwenig beachtet wird“.

          Keine sarkastischen Durchhalteparolen mehr

          Das Antiidyll „Manchester“ kommt im polierten Motown-Gewand daher, ein Bekenntnis zur Heimat, deren Tristesse auf die Dauer eben weniger verdummend wirkt als die Schönwettergegenden, nach denen sich die Verwöhnten verzehren. „The Cat Loves the Mouse“ ist ein angerockter, desillusionierter Paardialog, der vorführt, wie gut sich Alison Wheeler in die Band eingefügt hat - als hätte hier nie eine andere Frau gesungen. „Meanwhile“ klingt wie ein Echo des frühen Hits „Song For Whoever“. Neben den ungemein flüssig vorgetragenen Up- oder Mid-Tempo Nummern überzeugen auch die bitterzarten Folkballaden, durch und durch human mitfühlende und so gar nicht mehr sarkastische Durchhalteparolen, etwa „Bed of Nails“, die Aufbereitung einer falschen Beziehung im richtigen Leben. In jeder Hinsicht überragend „The Next Verse“ über die Tränen einer Hochzeitsfeier, ein Loblied auf die lebenströstende, ja mitunter rettende Bedeutung der Musik.

          „The Beautiful South“ knüpfen nicht nur hier an die Weisheit großer englischer Bands an, die auch wußten, daß das Leben sogar für die Schüchternen, stumm abseits Stehenden etwas bereithält. Mehr als diese krisenfeste, durch manches hindurchgegangene Musik kann kein großer Junge sich wünschen.

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