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Pop-Musik : Schmerz der Dunkelheit

  • -Aktualisiert am

Ein Geisteralbum, das am 24. März erscheinen wird Bild: EMI

Man schläft mit Geistern: "Placebo" stellen ihr neues Album vor. Sie öffnen darauf ihren verdichteten Gitarrenrock für ungewohnte Klangbasteleien.

          Popmusik ist ein Geschäft, das Abseitspositionen auszeichnet. Nur wer auf der Schattenseite steht, landet im Scheinwerferlicht - das gilt besonders für jenen geheimen Mainstream, der unter Titeln wie "Underground", "Independent" oder "Alternative" die unbeleuchtete Rückseite der Starkultur beansprucht. Ein Kult des Halbdunkels ist Popmusik nicht bloß in schwarzgekleideten Trauergemeinden, wo man Ratten auf den Schultern trägt; auch diesseits gothischer Grüfte feiern die Lidschatten immer wieder Auferstehung.

          Die britisch-amerikanische Popgruppe "Placebo" zählt zu jenen Bands, welche den Schimmer des Verfalls als psychedelische Partybeleuchtung einsetzen. Und ihr Sänger Brian Molko spricht als überschminktes Zwitterwesen sowohl den düsteren Glamour der Szene als auch die Teenagerliebe zu schrägen Superstars an. Beim Konzert der Band im Kölner E-Werk, das schon nach wenigen Stunden ausverkauft war, hielten sich die Publikumsanteile minderjähriger Mädchen mit aufwendigen Lockenfrisuren und erwachsener Bleichgesichter mit pechschwarzen Haarsträhnen ungefähr die Waage.

          Spätestens seit Daniel Küblböck seine Bisexualität als Wettbewerbsvorteil entdeckte, kann Brian Molkos zweigeschlechtliche Ausstrahlung kaum noch als Stilmittel einer Subkultur gelten. Als Popstars stehen "Placebo", die sich im Interview noch als "Band von Außenseitern für Außenseiter" beschrieben, mitten im Schaugeschäft. "Black Market Music": die vom Titel des letzten Albums beschworene Halbwelt bezeichnet inzwischen nur mehr die Schwarzhändler, die auf dem Parkplatz vor der Halle - "Three Euro, Placebo!" - gefälschte Band-T-Shirts verschleudern.

          Daß dem Dunkel, in das "Placebo" die überfüllte Halle für anderthalb Stunden tauchen, ein wenig der Reiz fehlt, liegt sicher auch daran, daß sich der neue Standpunkt der Band in der Soundnarkose in solchem Rahmen kaum abzeichnet. Verschleppte Rhythmen, verhangene Gitarrenwände, unterirdische Bässe - diese vom Trio in Reinform zubereitete Mischung ist als Kerngeschäft des Postrock längst wohlvertraute Klangkulisse und ruft kaum mehr als Abnicken hervor. Auch die Leitkultur des gepflegten Weltschmerzes, wie Trockeneisnebel aus den Gefilden der britischen Popmusik aufsteigend, steht inzwischen an der Schwelle zur gehobenen Langeweile.

          Mit ihrem neuen Album, das am 24. März in die Läden kommt, öffnen "Placebo" ihren verdichteten Gitarrenrock für ungewohnte Klangbasteleien. In der Zusammenarbeit mit Jim Abbiss, der als Produzent von "DJ Shadow" mit künstlichen Atmosphären bestens vertraut ist, gehen die melancholischen Kraftschübe gleitend in Zustände halbelektronischer Trance über. Im Konzert jedoch dringen diese hintergründigen Verschiebungen selten durch - höchstens mal eine Gitarre, die wie ein Energiestrahl klingt, ein Baß wie ein Erdbebensensor oder eine klirrende Tröpfcheninfektion aus dem Keyboard.

          "Sleeping With Ghosts" entstand nicht auf Bandproben, sondern in vernetzter Einzelarbeit der drei Musiker in ihren Wohnzimmern. Der Geist dieser einsamen Ideenwerkelei geht im Konzert verloren. "Sleeping With Ghosts" bleibt ein ausgezeichnetes Album für die gut ausgesteuerte Stereoanlage. Trotzdem hebt die faszinierende Präsenz des zerbrechlichen Brian Molko an der Gitarre und des riesenhaften Stefan Olsdal am Baß das Konzert über den Wirklichkeitsgehalt einer spiritistischen Session hinaus. Besonders die einmalige Stimme von Molko, mit seinem durch die Nase gepreßten Quengeln ein todessüchtiger Pet Shop Boy, zerschneidet die Routine immer wieder. Molko behandelt die Bühne wie eine Leinwand - auf seinen Auftritt als überspannter Fiesling im nächsten James-Bond-Film sollte man Wetten abschließen.

          Außerdem haben "Placebo" inzwischen genügend Gänsehauthymnen in die Welt gesetzt, um einen Konzertbesuch schon mit dem Genuß des Altbekannten zu entlohnen, die uferlose Selbstverschwendung von "Every You Every Me" oder der entfesselte Höhenflug von "Special K". Der Wunsch nach Mitsingstücken wurzelt sicher nicht im Untergrund, und Außenseiter bleibt hier allenfalls, wer den Text nicht kennt. Doch die Einstimmigkeit, für die "Placebo" inzwischen stehen, ist nicht der schlechteste Konsens.

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