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Pop-Anthologie (152) : Die neue Neue Deutsche Welle

  • -Aktualisiert am

Auf den Schultern von Giganten: Edwin Rosen Bild: Clara Fuchs

Überall feiern die Achtziger Renaissance. Auch die deutschsprachige Popmusik knüpft an sie an: Das Synthie-Pathos erkalteter Liebe überführt Edwin Rosen in seinem Song „leichter/kälter“ geschickt in die Zeitlosigkeit.

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          Die Peugeot-Halbrenner mit den obligatorischen Burg-Schlössern an die Laternenpfähle gekettet, die dauergewellten Vokuhilas vor dem nächsten Blitz der Olympus Superzoom kurz durchgeschüttelt, und dann, alle fünf Finger zwischen den Platten: Die Jugendlichen schwelgen im Vinylhimmel.

          Diese Szenerie wäre in den Achtzigen vorstellbar, wären da nicht die bunten Smartphones mit farblich abgestimmten AirPod-Cases, die Disposables – für die Baby-Boomer: E-Zigaretten im USB-Look – und der ökologisch abbaubare Bubble-Tea-Becher. Was Musikjournalisten, Künstler und Soziologen längst einmütig bestätigen: Die Achtziger feiern Renaissance. Nach den neonbunten Neunzigern und den glitzernden Zweitausendern, also dem Pop-Mittelalter, ist mit den Achtzigern die Antike der Popmusik wieder en vogue.

          Das Revival lässt sich nicht nur an den überall aus dem Boden sprießenden Secondhand-Läden in den Innenstädten festmachen. Auch die Haar-Sünden auf den Köpfen sind wieder da. Ebenso die längst eingemottete Analogfilm-Ästhetik, die Instagram-Feeds der Generation Z prägt. Und die Popmusik: Vierzig Jahre alte Songs wie „Running Up That Hill“ von Kate Bush erreichen über 100 Millionen Klicks auf YouTube, springen aus dem Nichts in die Top Ten der englischen und amerikanischen Hitparaden und haben rieseigen Erfolg auf TikTok, weil sie in einer Folge der Netflix-Serie „Stranger Things“ verwendet wurden.

          So weit, so überraschend. Wie aber erklärt sich der Erfolg jener jungen Künstler, die die Achtziger nur aus Filmen, Büchern und Erzählungen ihrer Eltern kennen können, jedoch in Stil, Sujet und Ästhetik nun ebenfalls stark an jenes Jahrzehnt erinnern?

          Am stärksten geprägt wird dieses Wiederaufleben wohl durch die Neue Deutsche Welle. 2005 schon machte der Gangster-Rapper Fler den Versuch, auf dieser Welle mit dem nach ihr benannten Album zum Erfolg zu reiten. Als Hommage an Falco trug Fler auf dessen Cover sowie im Musikvideo ein T-Shirt mit dem Konterfei des flamboyanten Wieners und zitierte dessen Disco-Feger „Rock Me Amadeus“ auch musikalisch in dem Song „NDW 2005“. Allerdings hatte Fler über darüberhinaus kaum Gemeinsamkeiten mit dem österreichischen Genre-Jongleur, er blieb hinsichtlich stilistischer Originalität und kommerziellem Erfolg weit hinter Falco zurück.

          Besser getroffen hat die Achtziger der Stuttgarter Musiker Edwin Rosen mit seinem Debütsong „leichter/kälter“ von 2020. In seiner Spotify-Biographie bezeichnet er seine Musik als „neueneuedeutschewelle“ und stellt sich damit in die Tradition von Pop-Punk und Rockmusik der Achtziger, die er zugleich in die musikalische Gegenwart transferieren möchte. Dass er dabei en passant ein neues Musikgenre kreiert, bringt ihn in die Position des musikalischen Robin Hood, der mit Verve und Esprit Neues wagt und damit den etablierten Musikgiganten ein Schnippchen schlägt.

          Melancholisch und doch optimistisch

          Viel weiß man über Edwin Rosen nicht. Laut Wikipedia, seinen Social-Media-Accounts und den wenigen Interviews, die er einigen Musikmedien gegeben hat, ist der 1998 geborene Stuttgarter, der Philosophie und Englisch auf Lehramt studiert, inzwischen bei einem Sublabel von Universal unter Vertrag und in diesem Jahr erstmals auf Solotournee. Sein erster Erfolg „leichter/kälter“ ist quasi das Ergebnis von universitärem Examensstress. Um sich abzulenken, hatte er das Stück einfach selbst auf Spotify hochgeladen. Was dann kam, war überraschend und erfreulich: Kurze Zeit später eröffnete ihm ein Freund, dass der Song hat bereits über eine Million Klicks habe.

          Wie lässt sich dieser Erfolg erklären? Das Lied setzt ein mit einem programmierten Offbeat aus dem Drumcomputer, der stoisch über das ganze Stück durchgehalten wird und ihm einen ordentlichen Drive verleiht. Dazu ein achtzigertypischer Synthesizer-Sound. Das Stück bezieht seine Wirkung aus einem Gegensatz: Melancholisch und doch optimistisch, hörgewohnt, trotzdem futuristisch, enorm leicht, obwohl exorbitant schwer. Auf dieses Intro folgt der Gesang mit einem unverkennbaren Timbre:

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