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Pop-Anthologie (146) : Pearly Spencer, wo bist du jetzt?

David McWilliams im Musikvideo zu seinem Song „(The) Days of Pearly Spencer“ Bild: Music Video Vault/Youtube

Auskunft, bitte, wie geht das Rennen des Lebens aus? In seinem Song „The Days of Pearly Spencer“ erzählt David McWilliams von zerbrochenen Träumen – mit freundlichen Grüßen an die Leidensgenossinnen Eleanor Rigby und Lucy Jordan.

          5 Min.

          Der typische Popsong geht ungern Umwege. Er zielt auf unsere Ohren, unser Herz, unsere Beine und, in gewissen Fällen, unsere Lenden. Obzwar er in der Regel aus dem angelsächsischem Raum zu uns gelangt, ist doch sonnenklar, dass er uns duzt, schließlich erzählt er von unseren Gefühlen. Ebenso vertraulich besingt er seine Protagonisten und, häufiger, seine Protagonistinnen – nämlich bei ihren Vornamen. Ob nun Gloria, Layla, Mandy, Angie, Peggy Sue, Lucille, Valerie, Rosanna oder Roxanne: Fast immer geht es um Liebe, um glückliche oder unerhörte Liebe, um universelle Gefühle jedenfalls, und angehängte Nachnamen würden da nur unerwünschte Distanz schaffen.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dass in einem Lied, in dessen Titel zumal, jemand mit Vor- und Zunamen auftaucht, ist eine Rarität und ein Zeichen, dass es mehr sein möchte als ein einfacher Popsong, nämlich eine Erzählung, und wie so oft in der Literatur geht es dabei düster zu. Drei der bekanntesten Namenslieder des Pop erzählen von Einsamkeit und zerbrochenen Träumen; die Liebe, nicht einmal die unglückliche, hat sich zurückgezogen und Platz gemacht für den nahenden Tod.

          Kurztragödie in drei Strophen

          Zum Beispiel in „Eleanor Rigby“, die Paul McCartney als Repräsentantin „all der einsamen Leute“ besingt. Eine schmerzlich schöne, mit surrealer Note versehene Kurztragödie in drei Strophen aus dem Jahr 1966, an deren Ende die arme Eleanor nicht nur ihr Leben lässt, nein, es erscheint zudem kein einziger Mensch zu ihrer Beerdigung. Als zweites Lied auf dem „Revolver“-Album wird „Eleanor Rigby“ eingerahmt von „Taxman“, George Harrisons Litanei über seine hohe Steuerlast, und John Lennons Aufforderung, ihn bitte schön in Ruhe zu lassen („I’m Only Sleeping“): ein Auftakt, der eindrucksvoll demonstrierte, wie lange die „She Loves You“-Zeiten der Beatles zurücklagen.

          Auch „The Ballad of Lucy Jordan“ ist getränkt von Bitternis. Mit 37 erkennt die Vorstadthausfrau Lucy Jordan, dass ihre wildromantischen Träume – Cabriofahrt durch Paris, eine Vielzahl leidenschaftlicher Liebhaber – sich in diesem Leben nicht erfüllen werden, steigt aufs Dach und geht den einen, zu weiten Schritt nach vorne. 1974 erstmals veröffentlicht von Dr. Hook & the Medicine Show, erfuhr der Song erst 1979 durch Marianne Faithfull seine endgültige, ergreifende Interpretation.

          Der Titel, der das Triptychon der Verlassenheit komplettiert, heißt „Days of Pearly Spencer“ (spätere Veröffentlichungen stellten dem Titel ein „The“ voran), stammt von 1967 und wurde geschrieben und gesungen von David McWilliams. Bis heute hat das Lied einen festen Platz in den Oldie-Formatradios der Republik, fast jeder wird es mal gehört haben, doch nur wenige dürften sich in der Lage wähnen zu sagen: Wer ist Pearly Spencer? Und wer ist David McWilliams?

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