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Nachmittagtage auf dem Ponton : Pontonisten sind keine Piraten

  • -Aktualisiert am

Auf ins kühle Nass: Ein Sprung in den See kann viele Sorgen vertreiben Bild: Picture-Alliance

Wenn von unten sanft das Wasser gegen die Bohlen schlägt und der Nachbar unerwartet eine Arschbombe macht: Ein Sommernachmittag auf einem Ponton im österreichischen Fuschelsee.

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          Der oder das Ponton? Damit fängt die Unsicherheit schon an. Und dann, wenn man sich ihm, dem Ponton, schwimmend nähert, geht es mit den Unklarheiten gleich munter weiter: Was ist das überhaupt für ein Gegenstand, so ein Ponton? Was für einen Charakter, was für eine Natur hat er? Keine Brücke, kein Steg, nicht am Land festgemacht, frei flottierend im Wasser, klar entfernt vom Ufer, aber dann auch wieder nicht so richtig weit weg, nicht irgendwo draußen, sondern in Sicht- und Schwimmweite, eine Art kleine Insel, ein Fix-, ein Zielpunkt, fürs Auge eindeutig erkennbar, die Distanz kann man sich vorstellen, das ist keine unüberwindbare Strecke, dafür braucht man kein Motorboot. Der Duden definiert den Ponton als einen „breiten, flachen, einem Kahn ähnlichen, offen schwimmenden Hohlkörper“. Aber wofür er da ist, sagt er nicht.

          Reden? Rauchen? Um Ruhe bitten?

          Was macht man auf einem solchen Ponton? In der Sonne liegen und dösen oder auf und ab hüpfen und springen? Reden? Rauchen? Um Ruhe bitten? Man ist sich jedenfalls ziemlich nah, die Tragfläche ist überschaubar, jeder muss sich bescheiden, die Knie anziehen, die Hände auf den Bauch legen, den Kopf zur anderen Seite drehen. Neue Besucher werden von den schon anwesenden Pontonisten nur mit einem kurzen Augenblinzeln zur Kenntnis genommen, man grüßt sich nicht, man ist ja nicht in den Bergen. Eigentlich sollte man auf einem Ponton nur mit Freunden liegen – aber in der Sauna ist man ja auch mit Fremden und dann auch noch nackt.

          Also die Augen schließen und das Zwiegespräch des Nachbarpärchens überhören, um zu teure Versicherungsbeiträge geht es und schon um den nächsten Sommerurlaub (dann endlich wieder Mittelmeer!). Hinter dem dichten Fichtenwald glitzert das Postkartenpanorama des Salzkammerguts – das „Weiße Rössel“ lässt grüßen. Pontonnachmitttage auf dem Fuschelsee nahe Salzburg– was kann es Schöneres geben. Das klare Seewasser plätschert von unten gegen die Holzbohlen, die Fliegen summen träge, ein leichtes Schaukeln hin und her – bis plötzlich der Nachbar wie aus dem Nichts seinen Abschied nimmt und den beleibten Körper mit voller Wucht und heftigem Spritzen ins Wasser fallen lässt.

          Eben doch kein Ruheraum, so ein Ponton, sondern am Ende nichts anderes als eine weitere Plattform für die Ausdruckssüchtigen unserer Zeit. Ein seltsames Zwitterwesen, nicht Fisch noch Fleisch, das sich jedem kostenlos zur Verfügung Wie hätte Carl Schmitt das wohl seiner Tochter Anima erklärt? Er, der in seinem späten, ihr gewidmeten Buch „Land und Meer“ auf so anregende Weise die Geschichte als Auseinandersetzung zwischen „Landtretern“ und „Seeschäumern“ charakterisiert hat. Darin kommen Pontons nicht vor, obwohl sie ja auch im Militärischen eine Rolle spielen – Schmitt hätte an diesem unberechenbaren Gegenstand vielleicht einiges Wesentliche über das Verhältnis von Raum und Recht ablesen, den Ponton womöglich zum natürlichen Habitat des Partisanen erklären und ihn damit nochmals eindeutig vom Piraten unterscheiden können. Vielleicht hätte er aber auch nur abgewunken angesichts dieses arglosen Freizeitobjektes. Wo man bis zum bitteren Ende eines warmen Sommertages liegen bleiben und sich die Zeit von allen guten Geistern vertreiben lassen kann.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

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