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Polygamie : Frauenzählung

  • -Aktualisiert am

Die französische Prominenz der Polygamie bestand bisher nur aus Francois Mitterand, Emile Zola und Starkoch Paul Bocuse. Nun reiht sich ein französischer Algerier unter die Größen des Landes und löst damit eine politische Debatte aus.

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          Die Schleier lüften sich. Die Debatte lief auf hohen Touren, als sie ein Polizist zusätzlich beschleunigte: Er ließ eine verschleierte Autolenkerin mit 22 Euro büßen. Das war nicht unbedingt die geschickteste Art, ein Verbot der Burka durchzusetzen. Die Mutter von vier Kindern ist Sozialhilfeempfängerin und will nicht bezahlen. Auch ihr Gatte Lies Hebbadj protestiert. Er betreibt eine Halal-Schlächterei, eine Bäckerei und eine Buchhandlung.

          Im Gegenschlag drohte ihm Innenminister Hortefeu mit dem Entzug der französischen Staatsbürgerschaft. Wegen Vielweiberei - Polygamie. Vier Frauen und zwölf Kinder werden Hebbadj vom innenpolitischen Geheimdienst zugeordnet. „Seit wann sind in diesem Land Mätressen verboten?“, kommentierte dieser die Anschuldigung. Der Identitäts- und Einwanderungsminister Besson, der an Hortefeu das Dossier wie eine heiße Kartoffel delegierte, ist ein bekennender Schürzenjäger. Andere Politiker sind diskreter. Die Medien erinnerten an Präsident Mitterrand, an dessen Sarg zwei trauernde Witwen standen. Der Dichter Emile Zola, das moralische Gewissen der Intellektuellen, hatte zwei Kinder mit einer Wäscherin. Zu drei Frauen bekennt sich der Starkoch Paul Bocuse: „Eine fürs Mittagessen, eine für den Tee, eine fürs Abendessen.“ Genauso genüsslich erzählt Lies Hebbadj von seinen Geliebten und Gewohnheiten.

          Pavillons zur Emanzipation

          Unvermittelt wurde so die Polygamie zum nationalen Thema. Die Frivolität der Debatte auf dem Boulevard entsetzt jene, die seit Jahren erfolglos versuchen, auf die gesellschaftliche Realität zu verweisen. Sonia Iloul hat einen Bericht erarbeitet: Mindestens zwanzigtausend Fälle soll es geben, sie betreffen mehr als zweihunderttausend Menschen. Sonia Iloul spricht von einer Tragödie für Frauen und Kinder. Ihre Statistiken werden von der Krankenkasse und der Sozialhilfe bestätigt. Die Verfasserin wurde von Sarkozys Familienministerin angehört; geschehen ist nichts. Für die antirassistische Linke ist das Thema ohnehin ein Tabu.

          Widersprüchliche Gesetze und Parlamentsbeschlüsse bezeugen die Verlegenheit der Politik, die das Problem seit dreißig Jahren kennt, aber systematisch verdrängt. Für Ehefrauen polygamer Männer stellte der Staat Pavillons zur Verfügung: zur Emanzipation. Von Premierminister Lionel Jospin bekamen polygame Familien, die illegal eingereist waren, Aufenthaltsbewilligungen: unter der Bedingung, dass sie getrennt leben. Verschleiert und polygam sind in Frankreich eben nicht nur fundamentalistische Muslime.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

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