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Polnisches Nationalstadion : Schönheit kennt keinen Termindruck

Was Peking das Vogelnest, ist Warschau der Weidenkorb. Fundament des neuen EM-Stadions in den polnischen Nationalfarben aber ist der Weg des Landes in die Demokratie Bild: dpa

An diesem Sonntag eröffnet Warschau sein neues Fußballstadion für die Europameisterschaft 2012. Der Glanzbau steht auf einem historisch überaus bedeutsamem Boden.

          Vielleicht war einer der Architekten des neuen Warschauer Nationalstadions ja schon einmal in Nowy Tomysl. In der Kreisstadt östlich von Frankfurt an der Oder steht der mit 17,29 Meter Länge und 9,46 Metern Breite größte Weidenkorb der Welt. Fünfzig Flechter bescherten nach 55 Stunden Flechten Nowy Tomysl nicht nur ein hübsches Blumenbeet, sondern auch einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aber dass Weidenkörbe ein typisch polnisches Kulturgut seien, ist damit nicht bewiesen. Wieso also die Architekten um Volkwin Marg und Hubert Nienhoff vom Berliner Büro gmp einen Weidenkorb zum Vorbild für ihre Stadionarchitektur nahmen, bleibt unerfindlich.

          Wie auch immer, dass gmp gemeinsam mit JSK Architekci, Warschau, und dem Stuttgarter Ingenieurtrio von Schlaich Bergermann und Partner 2007 den Wettbewerb für das Stadion gewann, dürfte auch am Reiz der korbartig geflochtenen Gebäudehülle gelegen haben, die den Bau freundlich, leicht und angenehm bescheiden wirken lässt. Dass die perforierten, gegeneinander verwobenen Streckmetallpaneele in den Nationalfarben Rot und Weiß leuchten, wirkt etwas dick aufgetragen, hat aber gerade nachts seine Reize.

          Ein goldener Bernstein in Danzig, ein rot-weißer Weidenkorb in Warschau: mit seinen Fußballstadien muss sich Polen viereinhalb Monate vor der Europameisterschaft nicht verstecken. Mit der Danziger Arena wird die Warschauer, die wie eine Stadtkrone erhöht am rechten Weichselufer thront, die Ikone des Wettstreits sein.

          Multifunktionaler Vergnügungspark

          Am 8. Juni trifft dort im Eröffnungsspiel der Gastgeber auf Griechenland. Doch der Bau ist mehr als eine Sportstätte, nämlich ein multifunktionaler Vergnügungspark mit einem Dach, das wie ein Regenschirm an Stahlseilen zusammengefaltet und in einer Art Garage verstaut werden kann, über vier Videowürfeln, auf denen Großaufnahmen das kleinste Foul erkennen lassen.

          Exakt 58 000 rote und weiße Sitzschalen, 20 000 Quadratmeter Büroflächen unter den Tribünen, ein Fitnessklub, vier Restaurants, 965 Toiletten und 69 VIP-Logen - auch nach der EM soll das Stadion der Stolz von Warschau bleiben; es solle „täglich leben“, sagen seine Erbauer. Zwar ist es nicht, wie beabsichtigt, ein Jahr vor dem Turnier fertig geworden - statisch mangelhafte Fluchttreppen mussten nachträglich ertüchtigt werden.

          Aber über die Schadenfreude, mit der sich westeuropäische Medien auf jeden Quadratkilometer Autobahn und jede Stufe stürzen, die in Polen Terminen hinterherhinken, kann Zbigniew Pszczulny von JSK nur lächeln. „Stadien stehen für hundert Jahre. Es ist nicht wichtig, sie so schnell wie möglich zu bauen.“

          An diesem Sonntag werden angesagte polnische Bands Warschaus Stadion mit einem Konzert eröffnen. Eintritt gratis, vierzigtausend Besucher werden erwartet, sogar ein eigener Song ist dem Bauwerk gewidmet. Aber die Erinnerung, dass das Nationalstadion auf historisch bedeutsamem Grund steht, wird auch eine Rolle spielen: Wie ein Korb in einem anderen Korb ruht das Stadion in der Form des Vorgängerbaus; von außen sichtbar sitzt der Neubau auf der Krone eines Erdwalls, der einst aus Trümmern des Zweiten Weltkrieges aufgeschichtet wurde.

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