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Klaus von Beyme gestorben : Mann des Vergleichs

  • -Aktualisiert am

Klaus von Beyme (1934-2021) Bild: picture-alliance / dpa

Polemiken und Liebeserklärungen begleiteten seine wissenschaftliche Karriere: Zum Tod des Heidelberger Politikwissenschaftlers Klaus von Beyme

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          Als Klaus von Beyme im Jahr 1967 seine erste Professur an der Universität Tübingen antrat, war die Politikwissenschaft noch völlig anders verfasst, als sie es heute ist. Die Bildungsexpansion der Siebzigerjahre stand noch bevor. Das Fach war gerade erst auf dem Weg, sich an den deutschen Universitäten zu etablieren und auszudifferenzieren. An seiner Modernisierung hatte von Beyme erheblichen Anteil. Einige seiner beinahe 50 Monographien und rund 500 Aufsätze hat der sprachbegabte Autor in den vielen ihm zu Gebote stehenden „europäischen Dialekten“ verfasst. Die Themenwahl griff von seinem zentralen Interesse, der Vergleichenden Regierungslehre, aus in die Betrachtung einzelner politischer Systeme. Er legte auch Studien über Parteien, Gewerkschaften und Verbände, politische Theorien der Gegenwart und die Sowjetunion in der Weltpolitik sowie Arbeiten zu Kunst, Städtebau und Kulturpolitik vor. „Die Parlamentarischen Regierungssysteme in Europa“ ist ein Klassiker, sein Buch über Ökonomie und Politik im Sozialismus war bahnbrechend für den Vergleich sozialistischer Länder.

          Für sie hatte von Beyme sich seit seiner Jugend, der Vertreibung der Familie aus Schlesien und der anschließenden Flucht aus der DDR besonders interessiert. Die Liebe zu Russland erwuchs aus einem Studienjahr an der Lomonossow-Universität, akademische Stationen in Paris, München, Bonn und an der Harvard University zeugen von seiner Weltläufigkeit. Zentraler Bezugspunkt aber blieb Heidelberg, wo sein Lehrer Carl Joachim Friedrich lehrte und von Beyme sich 1967 habilitierte.

          Die vielen Kontakte und Anregungen beförderten die Breite seiner thematischen Interessen ebenso wie seine Skepsis gegenüber geschlossenen Großtheorien wie Neomarxismus, Rational Choice oder der autopoietischen Systemtheorie. Seiner Vorliebe für eklektische Ansätze, „Theorien mittlerer Reichweite“ und vor allem die historische Tiefendimension ist er ebenso treu geblieben, wie er allzu reduktionistische Quantifizierungen hinterfragte. Diese Sichtweise verteidigte er sowohl innerhalb des Faches wie darüber hinaus durchaus mit Verve. Davon kündete in seinem Büro ein Ordner mit der Aufschrift „Polemiken und Liebeserklärungen“.

          Details über Höhenflüge

          Dennoch oder gerade deshalb war Klaus von Beyme im Fach höchst anerkannt und geschätzt. Für professionspolitische Ämter hat er sich stets bereitwillig zur Verfügung gestellt. Nach dem Vorsitz der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft Anfang der Siebzigerjahre folgte 1982 bis 1985 die Präsidentschaft des Weltverbandes IPSA. Hier und in den Kuratorien zahlreicher Forschungs- und Ausbildungsinstitutionen wie dem Wissenschaftskolleg zu Berlin und dem Europäischen Hochschulinstitut in Florenz setzte sich von Beyme für eine Professionalisierung des Faches und seiner Ausbildung ein. Dazu gehörte die Policy-Forschung, die Details politischer Prozesse und Entscheidungen in den Blick nimmt, statt in luftiger Höhe abstrakte Debatten zu führen.

          Klaus von Beymes Liebe zur akademischen Lehre war für seine Studenten spürbar, im Umgang war er liebenswürdig und bescheiden. Seit seinem Wechsel an die Universität Heidelberg 1974 hat er dort weit über die Emeritierung hinaus gelehrt. In der akademischen Ausbildung war er mit etwa 100 Promotionen und 16 Habilitationen hoch produktiv. Viele seiner Schüler lehren an Universitäten im In- und Ausland; eine Schule hat er gleichwohl nicht begründet, dafür war es ihm zu wichtig, in der Themenwahl Freiheit zu gewähren. Am 5. Dezember ist Klaus von Beyme im Alter von 87 Jahren in Heidelberg gestorben.

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