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Politmagazin „Jacobin“ : Der Glamour der Radikalität

„Jacobin“-Cover mit Namensgeber, einem haitianischen Freiheitskämpfer Bild: Jacobin

Bekennender Sozialismus mit Stil: Wie das Print-Magazin „Jacobin“ Bewegung in die amerikanische Linke bringt und immer mehr Hefte verkauft.

          Der amerikanische Verleger Bhaskar Sunkara ist selbst nach Maßstäben der Verhältnisse, die er bekämpft, ein Held. Mit seinem politischen Magazin „Jacobin“ hat er geschafft, was in der Medienbranche kaum noch jemand für möglich hält: eine Zeitschrift für junge Menschen erfolgreich zu verkaufen, ein Heft mit Seiten aus echtem Papier, auf dem sogar echte Texte stehen, nicht nur Kalendersprüche oder Anleitungen zum Falten von Weihnachtssternen. Das Design von „Jacobin“ ist zwar so auffällig und bunt illustriert, dass es sich auch ganz gut als Geschenkpapier eignen würde, der Inhalt aber galt in den Vereinigten Staaten bisher als so verführerisch wie schimmliges Brot: „Jacobin“ druckt klassenkämpferische Essays und Analysen und bemüht sich gar nicht erst, seine linke Haltung hinter unverfänglichen Attributen wie „kritisch“ oder „progressiv“ zu verstecken; es bezeichnet sich schamlos als „sozialistisch“.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sich zum Sozialismus zu bekennen, war in den Vereinigten Staaten noch bis vor ein paar Jahren die sicherste Methode, sich ins politische Abseits zu manövrieren. Erst mit dem Erfolg von Bernie Sanders begann ein selbstbewussterer Umgang mit dem Label „demokratischer Sozialismus“. Ablesbar ist das etwa an der steigenden Popularität der Democratic Socialists of America (D.S.A.), einer Organisation, die in den 1980er Jahren aus den Grabenkämpfen der amerikanischen Sozialisten hervorging. Seit Sanders’ Wahlkampf hat sich nicht nur ihre Mitgliederzahl von 5000 auf heute 50.000 verzehnfacht, auch der Einfluss der D.S.A. innerhalb der Demokratischen Partei wächst: Immer mehr Kandidaten treten als Mitglieder der Bewegung an. Zwei von ihnen werden höchstwahrscheinlich ab November im Kongress sitzen: Rashida Tlaib aus Michigan wird dann die erste Muslima im Repräsentantenhaus sein; und in ihrer New Yorker Genossin Alexandria Ocasio-Cortez sehen einige schon die aussichtsreichste Herausforderin des Amtsinhabers bei der nächsten Präsidentschaftswahl. Die Vorstellung jedenfalls, dass man die Wähler Donald Trumps eher durch die Vision einer gerechteren Gesellschaft zurückgewinnen kann als durch besonnene Aufrufe zur Rückkehr zur politischen Tagesordnung, wird im Richtungsstreit der Demokratischen Partei immer beliebter.

          Trotzki in der Schulbibliothek

          Auch an den Zahlen von „Jacobin“ lässt sich die Renaissance der amerikanischen Linken ablesen: Von der Gründung im Jahr 2010 bis zu Sanders Kampagne erreichte Sunkara mit seinem Projekt ein treues Publikum von etwa 10.000 Lesern. Heute druckt er 50.000 Exemplare, erreicht online über eine Million Leser monatlich und lässt damit inzwischen traditionsreiche linke Magazine wie „New Republic“ hinter sich. „Jacobin“, so lautet inzwischen die stolze Selbstbeschreibung, sei „die Stimme der amerikanischen Linken“. Das gilt auch für Sunkara selbst, der mittlerweile eine Art Star der internationalen Linken ist. An diesem Wochenende stellt er beim Labour-Parteitag in Liverpool seine wiederbelebte Version der seit 1937 erscheinenden Parteizeitung „The Tribune“ vor.

          „Jacobin“-Gründer  Bhashar Sunkara

          Der publizistische Erfolg ist dabei für Sunkara vor allem Mittel zum Zweck. „Ich mag Magazine nicht um ihrer selbst willen“, sagt er bei einem Gespräch in Berlin. Das hübsche Magazin ist gewissermaßen nur das Abfallprodukt seines politischen Kampfes: Gedruckt wird es vor allem, weil sich damit besser Geld verdienen lässt als mit Texten im Internet. „Unser Ziel ist es, Gewinne zu machen, um politische Arbeit machen zu können, statt politische Arbeit zu machen und sich zu fragen, wie man sie finanzieren kann“.

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