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Politjargon : Unberufen!

  • -Aktualisiert am

Den Teufel nennt man selten beim rechten Namen. Deshalb spricht kein SPD-Politiker von „der Linken“, sondern sucht Zuflucht bei Umschreibungen - ein Versuch, den Dämon zu verscheuchen.

          Zum internationalen und ewigen Aberglauben, den wir hier einmal nicht schelten, sondern ehren und deuten wollen, gehört die Idee, das Aussprechen eines Geisternamens zitiere den Dämon, womöglich auch noch versehentlich, herbei. Deshalb nennt man den Teufel so selten beim rechten Namen. Selbst sein uns bekannter, der auf das griechische „diabolos“ zurückgeht, verfährt nur vorsichtig-andeutend: Er bedeutet „Verleumder“.

          Wie um seinen gefährlicheren Tiefen auszuweichen, hält man sich an das, was von ihm erkennbar in den Alltag hineinragt. Und lieber noch umschreibt man ihn, er ist der Gottseibeiuns, der altböse Feind. Kaum einer glaubt, wenn man ihn direkt fragt, daran, dass am bloßen Namen etwas sei, irgendeine bestimmende Kraft oder gar das Wesen des Trägers selbst. Und doch kennt jeder diese Kraft und nutzt sie als Mittel im Kampf.

          Vorsicht geboten

          Man muss vorsichtig sein, welchen Namen man nennt, denn das Aussprechen des Namens ist eine Anerkennung, die erste kommunikativ mögliche nach der Begrüßungsgeste - so ließe sich der Namensaberglaube mit Habermas verstehen. Und deshalb spricht Kurt Beck von der „Linksgruppierung“ und der „sogenannten Linken“, Müntefering wagte bei der Gründung des Phänomens den etwas lahmen Scherz „PDS/ML“ - mit Lafontaine; Steinbrück sagt schlicht „PDS“, der SPD-Generalsekretär redet von der „früheren PDS“.

          Die jüdische Geheimlehre kannte einen Rat, den Dämon zu verscheuchen: Man musste nur von seinem Namen Stück für Stück abhacken, dann verschwand auch der Geister-Unhold selbst: „Schabriri, briri, riri, iri, ri!“ Wesentlich weiter ist die exoterische Lehre der Sozialdemokratie auch nicht. Sie hält sich ans Sprichwort: „Wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt.“ Der Wolf wäre, durch das bloße Nennen seines Namens, kommunikativ anerkannt und dann subjektiv auch im Recht, „gerennt“ zu kommen. Klopf auf Holz, Kurt Beck!

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

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