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Politisches Handeln im Netz : Widerstand ist zwecklos

  • -Aktualisiert am

Die Proteststrategie von Anonymus: Unsichtbarkeit Bild: Frank Röth

Computernetzwerke üben eine neue Form von Kontrolle aus. Darum brauchen wir neue Strategien für politisches Handeln. Ein Gespräch mit dem Medientheoretiker Alexander Galloway.

          6 Min.

          Unsere Gesellschaft, so scheint es vielen, wird zunehmend von der unsichtbaren und unbegreifbaren Logik der Algorithmen gesteuert. Was sind für Sie die wichtigsten sozialen Effekte der digitalen Kultur?

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es wäre falsch, von bestimmten medialen Bedingungen konkrete soziale oder politische Wirkungen abzuleiten. Computer, und erst recht Computernetzwerke, sind nicht an irgendetwas „schuld“. Sie sind nicht von Natur aus reaktionär– und schon gar nicht progressiv, wie es das liberal-demokratische Mantra behauptet, welches dezentrale Netzwerke per se für befreiend hält. Auch dezentrale Netzwerke üben eine neue Form von Kontrolle aus, die auf einer anonymen und nichtmenschlichen Ebene abläuft. Dieser nichtmenschliche Charakter der Kontrolle macht sie so schwer zu verstehen. Die Herausforderung besteht darin, kritisches und politisches Handeln so zu überdenken, dass es diesen neuen Formen entspricht. Denn jede Technologie bringt neue Schwachstellen mit sich, die man ausnutzen kann.

          Warum produzieren Computernetzwerke, die doch so sehr von den Versprechen der Offenheit und der Partizipation geprägt sind, derart dominante Machtstrukturen und Ausschlussmechanismen?

          Das hängt, denke ich, mit einem Widerspruch zweier Kräfte zusammen. Und dieser Widerspruch betrifft genauso profane technische wie soziale Aspekte. Computernetzwerke haben immer schon die Aufgabe gehabt, vollkommen unterschiedliche technische Infrastrukturen miteinander in Zusammenhang zu bringen: Manche Bevölkerungsteile müssen auf langsame Kupferkabel zurückgreifen, manche leisten sich ultraschnelle Glasfaserkabel; manche Benutzer benutzen Farbbildschirme, manche noch schwarzweiße. Die Internet-Protokolle waren aufgrund dieser Diversität von Beginn an so ausgelegt, dass sie trotz verschiedenartigster Bestandteile funktionieren, das heißt, sie sind auf alle Eventualitäten vorbereitet und arbeiten mit einer ungeheuren Zähigkeit.

          Standardisierung ist also die wichtigste Leistung von Netzwerken.

          Genau, und dieser Prozess bedingt soziale Homogenisierung. Natürlich kann jeder im Internet erst einmal sagen, was er will, es ist kein repressives Modell, man wird zu nichts gezwungen, aber: In der digitalen Kultur haben wir zum ersten Mal einen Standard der menschlichen Kommunikation, der alles umfasst und vollständig technisch determiniert ist. Natürlich, wir können dagegen revoltieren und uns verweigern, aber die Konsequenzen wären beträchtlich: Man könnte dann nur noch mit sich selbst kommunizieren.

          Die Allgegenwärtigkeit digitaler Medien haben Sie in ihrem Buch „The Exploit“ als „Kongruenz von Ereignis und Speicherung“ beschrieben. Was meinen Sie damit genau?

          Diese Vorstellung ist sicher noch Phantasie. Aber wir sollten darüber nachdenken, was es heißt, wenn das Leben komplett archiviert ist und damit auch vollständig durchsucht und zurückverfolgt werden kann. In einem beschränkten Umfang sehen wir das schon heute, etwa beim Netz der Überwachungskameras in Großbritannien. Oder denken Sie an die Quantified-Self-Bewegung. Das wird alles von ziemlich altruistischen Zielen getrieben: Je mehr Informationen Sie haben, je transparenter das Verhältnis zu Ihrem eigenen Körper ist, desto besser. Auf der Gegenseite gibt es strategische Formen der Unsichtbarkeit und Vernebelung, die wir zum Beispiel bei Aktivisten wie Anonymous und der Hacker-Bewegung beobachten können oder einfach bei der Verwendung von Verschlüsselungstechnologien.

          Würden Sie sagen, dass solche Strategien die Bedingungen digitaler Kultur imitieren?

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