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Politische Kunst : Gezi-Park

Was genau hat die Schüler-Flugblatt-Aktion in München mit Gezi-Park in Istanbul zu tun? Bild: dpa

Die Künstlergruppe Zentrum für politische Schönheit braucht die mediale Aufmerksamkeit. Doch geht bei diesem Hauruck-Aktivismus das Gespür für Zwischentöne verloren.

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          Beschreibt man die Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit nach den Spielregeln jener Institutionen, die für sie bezahlen, nämlich öffentlich geförderter Kultureinrichtungen wie der Berlin Biennale oder jetzt der Münchner Kammerspiele, welche zum 75. Jahrestag der Briefaktion der Geschwister Scholl einen Schülerwettbewerb zum Verfassen von Flugblättern gegen Diktaturen ausriefen, dann ließe sich mit der Nüchternheit der Kunst- oder Theaterkritik notieren, das Material dieser Künstler bestehe in erster Linie in medialer Aufmerksamkeit. Und in zweiter im Gewissen der staatsbürgerlichen Öffentlichkeit, verkörpert in staatlichen Hoheitszeichen und den Gesichtern real existierender Politiker.

          Das am häufigsten eingesetzte Mittel ist dabei das Kidnapping. So verkündete im Mai 2014 die damalige Familienministerin Manuela Schwesig von der Titelseite der „tageszeitung“, 55.000 syrische Flüchtlingskinder in Deutschland aufnehmen zu wollen – ohne ihr Wissen. Ein Politikergesicht mit einem unerwarteten Inhalt zu kombinieren war eine erfrischende Strategie. Sie führte vor, dass, während das Private des Politikers nur ihm gehört, die Autorität seines Gesichtes eine kollektive Hervorbringung ist – warum also nicht nutzen, was allen gehört?

          Bequeme Propaganda aus sicherem Abstand

          Der Missbrauch staatlicher Hoheitszeichen bewegt sich im Rahmen der Kunstfreiheit – so, wie freilich die Münchner Polizei das Recht hat, Flugblätter des Zentrums zu konfiszieren, weil das Impressum irreführend sei. Den Hauruck-Aktivismus pauschal abzuurteilen hieße, moralischer zu sein, als man es der Organisation selbst vorwirft. Geht allerdings künstlerische Ambivalenz verloren, schlägt die Stunde der Kritik.

          Die „1000 Flugblätter“, die laut Pressemitteilung am Freitag am Gezi-Park verteilt wurden und dem „Diktator“ den „Tod“ wünschten, rauschten tatsächlich aus einem Laserdrucker, der von einer jetzt polizeilich gesuchten Person an einem Hotelfenster plaziert und übers Internet aktiviert wurde. So was kann jeder machen, dafür braucht es das Buhei zu Hause nicht. Die Inhaftungnahme bayerischer Schüler ab vierzehn Jahren steht komplett unverbunden neben der offenbar als dringlich empfundenen Verteilaktion – so, wie auch die Botschaft ans heimische Publikum wenig zu bürgerlichen Freiheiten in der Türkei beitragen dürfte. Damit gerinnt das Berufen auf den klandestinen Widerstand der Scholls zur bequemen Propaganda aus sicherem Abstand heraus. Eine bessere Kunst ist möglich.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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