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Politische Gretchenfrage : Wie Frankreich mit "Mein Kampf" umgeht

Die Diskussion begann bei Arte: Cover des Buches „Mein Kampf, histoire d’un livre“ von Antoine Vitkine Bild: Flammarion

Eine neu entflammte Diskussion offenbart die Widersprüchlichkeit im Umgang Frankreichs mit dem Nationalsozialismus. Vor allem aber könnte sie dem Präsidentschaftswahlkampf wichtige Impulse geben.

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          Der Preis beträgt 38 Euro, zuzüglich Porto. Amazon führt es nicht. Das Online-Portal der Großhandelskette Fnac verkauft eine arabische Übersetzung. Aber einzelne Filialen hatten die französische Ausgabe auch schon im Regal. Problemlos findet man sie in den einschlägig bekannten Buchhandlungen brauner Gesinnung, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Die meisten Exemplare - jährlich sind es ein paar Hundert - setzt der Verlag im Direktverkauf ab. Erstmals veröffentlicht hatten die „Nouvelles Éditions Latines“ (NEL) ihren heimlichen Longseller „Mein Kampf“ 1934: Es war ein Raubdruck.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die NEL sind der Verlag der „Action française“, ihr Begründer Fernand Sorlot stand Charles Maurras nahe. Der faschistische Dichter hasste die Deutschen und wollte Hitlers Schrift als Warnung an Frankreich verbreiten. „Jeder Franzose muss dieses Buch lesen“, hatte ein Marschall der französischen Armee erklärt. Mit diesem Slogan wurde der Verkauf angekurbelt. In seinem Vorwort verglich Sorlot den Einfluss des Buches, das eine Kriegserklärung an Frankreich sei, mit dem Koran. Hitler, der keine Übersetzung wollte, klagte vor dem Gericht und wurde dabei vom französischen Schriftstellerverband unterstützt. Das Buch musste zurückgezogen, die restliche Auflage eingestampft werden.

          Doch bevor dies geschah, kaufte die „Liga gegen den Rassismus und Antisemitismus“ (Licra) fünftausend Exemplare und verschickte sie an die Entscheidungsträger im Lande. Zu Beginn der deutschen Besatzung kam „Mein Kampf“ - mit dem französischen Untertitel „Mon Combat“ - umgehend auf die „Liste Otto“ (nach dem deutschen Botschafter Otto Abetz) der verbotenen Bücher. Bereits 1938 hatten die Éditions Fayard eine von Hitler autorisierte, aber an vielen Stellen verfälschte Ausgabe veröffentlicht. Sie stand, auf beiden Seiten, bereits im Dienste der Kollaboration. Der Franzosenhass mündete in ein neues Plädoyer für die Annäherung: „Das deutsche und französische Volk sind gleichberechtigt und sollen sich nicht mehr gegenseitig als Erbfeind betrachten, sondern respektieren.“

          Die Gretchenfrage für jeden Präsidentschaftskandidaten

          Nach dem Krieg blieb es relativ einfach, sich das Werk zu beschaffen. 1979 wurde der Verkauf durch einen Gerichtsbeschluss legalisiert - vergeblich hatte die Licra ein Verbot gefordert. Das Buch muss seither acht Seiten über den Judenmord und seine Ankündigung beinhalten. Frankreich ist mit diesem Vorgehen gut gefahren. „Mein Kampf“ wurde im Gegensatz zur Auschwitz-Lüge kein Tabu und spielt bei den Neofaschisten keine große Rolle.

          Aus einer Arte-Sendung ist jüngst ein Buch entstanden, „Mein Kampf, histoire d’un livre“ (Flammarion) von Antoine Vitkine. Jetzt, da die Autorenrechte frei werden, diskutiert man auch in Frankreich vermehrt über das Buch. Eine Vereinigung „Prävention gegen den Hass“ mit Historikern, Anwälten, Philosophen hat allen Präsidentschaftskandidaten die Gretchenfrage gestellt. Bei den NEL, die inzwischen von Sorlots Sohn geführt werden, macht man sich keine Sorgen: die „integrale und neutrale“ Fassung genießt dank dem langen Leben des zweiten Übersetzers den Schutz des Urheberrechts noch bis 2054. Zieht die Konjunktur an, kann man damit ins Taschenbuch.

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