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Politische Bühne : Privatmeister

  • -Aktualisiert am

Heute reicht es nicht mehr, wenn ein dröger Mensch ein guter Politiker ist. Auch mit einer neuen Brille ist es nicht getan. Langweilern verzeihen wir kein interessantes Amt.

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          Klaus Wowereit ist der Regierende Bürgermeister von Berlin, aber er ist auch Mensch geblieben, was ihn manchmal in die Situation bringt, dass er privat Dinge tun kann, die er dienstlich lieber lassen sollte. Wenn ihn etwa der Chef des exklusiven Berlin Capital Clubs, Heinz Dürr, fragt, ob er mit dessen Privatmaschine für ein Wochenende nach London fliegen will, um dort mit einigen international tätigen Geschäftsleuten Kontakte für Berlin zu knüpfen - wie sollte er sich dann entscheiden? Und als wer?

          „Er ist als Regierender Bürgermeister eingeladen gewesen, aber auch als Privatperson“, antwortet Wowereits Sprecher auf Fragen der Opposition, die in dem zehn Jahre alten Fall erkennen will, dass dieser hier Dienstliches und Privates miteinander vermengt habe. Gleiches gelte womöglich für den Kurzurlaub, den dieser in der Villa des Partyveranstalters Manfred Schmidt vor acht Jahren in Barcelona verbracht habe. Obwohl der Vorwurf im Fall Wowereit ins Leere geht, gehört er doch zu jenen Politikern, die Dienstliches und Privates schon immer konsequent vermischt haben, weist er auf eine Trennung hin, die Amtsträgern offenbar vermehrt Schwierigkeiten macht.

          Verjagt oder gefesselt

          War es vor Jahren noch in Ordnung, als Mensch dröge zu sein, solange man nur ein guter Bürgermeister, Bundeskanzler oder Präsident war, soll man heute auch als Privatperson etwas hermachen. Während einige Politiker glauben, es sei mit neuer Brille oder Frisur getan, legen sich andere gleich neue Freunde oder Frauen zu. Letztlich scheitern aber fast alle daran, die Kluft zwischen dienstlicher Wichtig- und privater Biederkeit zu schließen. Am Ende verzeiht man den Langweilern nicht, dass sie ein interessantes Amt haben, und sie müssen gehen wie Christian Wulff, dessen Probleme ja erst begannen, als er irgendwie privater rüberkommen wollte.

          Anders liegt der Fall bei jenen Politikern, die ständig privat unterwegs sind, auch wenn sie gerade eine Sozialreform zu verabschieden oder aber eine Stadt zu regieren haben. Während sie die Bühne schätzen, die ihnen das Amt verschafft, geht ihnen das Dienstliche bald auf die Nerven, und sie hauen früher oder später in den Sack. Die einen müssen verjagt, die anderen gefesselt werden, daran wird sich schwer etwas ändern lassen, solange Menschen Ämter bekommen. Es sei denn, man schafft eines von beiden ab.

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