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Politiker und Brillen : Auge um Auge

Die Bundeskanzlerin ist wie immer einen Schritt weiter. Bild: Picture-Alliance

Rechtzeitig zu den Landtagswahlen belegt eine Studie: Wer Brille trägt und markante Gesichtszüge hat, ist der überzeugendere Politiker. Was aber sagt das über den Wert der Brille in Krisenzeiten? Eine Glosse.

          Politiker mit Brille werden eher gewählt als brillenlose, stellt eine psychologische Studie der Universität Köln fest, weil Brillen in westlichen Gesellschaften nach wie vor mit Intelligenz in Verbindung gebracht werden. Die Existenz von Kontaktlinsen hat sich anscheinend noch nicht herumgesprochen. Welche Brille wird Markus Söder tragen, wenn er von der Studie erfährt? Eine coole Hauptstadtbrille wie Alexander Dobrindt? Ein je nach Empörungsgrad auf der vorderen Nasenpartie verschiebbares Gauland-Modell? Oder eine doppelte Schaufensterscheibe wie weiland Helmut Kohl?

          Am besten alle drei, wird Söder nach den jüngsten Wahlprognosen sagen. Eines hat er nämlich nicht vergessen: Da kam doch um Ostern der Edmund Stoiber zu ihm in die Staatskanzlei, ohne Brille, wie die „Bild“-Zeitung sofort bemerkte, und Söder hatte selbst nur einen lockeren Rollkragenpulli an. Der Skandal war perfekt, die Botschaft an den Wähler unmissverständlich: Die beiden Herren nehmen uns nicht ernst. Von da an ging’s für Söder bergab, und äußere Ereignisse wirkten nur noch peripher auf das Stimmungsbarometer ein. Die Kölner Studie ruft uns in Erinnerung: Politik ohne Brille kommt beim Wähler einfach nicht an.

          In Friedenszeiten kommen Brillen gut an

          Erkenntnis zwei: Kandidaten mit markanten Gesichtszügen haben beim Wähler gute, Kandidaten mit weichen Gesichtszügen schlechte Chancen. Letztere können ihr Handicap aber mit einer Brille ausgleichen. Mehr als ausgleichen, muss man sogar sagen. Unschlagbar an der Brille ist nämlich Folgendes: Man kann sie je nach politischer Großwetterlage auf- und wieder absetzen. In Friedenszeiten, haben die Kölner Forscher herausgefunden, kommen Brillen besonders gut an. Heißt es also im Krieg: Brille runter? Erst einmal nicht. Der popularitätsschädigende Effekt von Brillen in Krisenzeiten ist wissenschaftlich nicht belegt.

          Überhaupt ist vieles rund um die politische Brille von der Wissenschaft unbetretenes Land: Warum haben es die Grünen bis heute nicht geschafft, dass der Brillenträger in der Mehrheitsgesellschaft ankommt? Darf sich die SPD von den Liberalen ein paar weltbeste Brillen ausleihen, oder wäre das Betrug am Wähler? Könnte Kanzlerin Merkel AfD-Wähler mit einer Brille davon überzeugen, dass sie die Welt da draußen wieder wahrnimmt? Und würde sie dann im Bundestag sagen: „Ach, Sie sind der Herr Gauland! Ich hab Sie mir ja ganz anders vorgestellt. Übrigens: interessante Brille!“ Und würde Gauland dann zurückgeben: „Darum geht es hier nicht, sondern um Alternativen für Deutschland. Aber warum gehen wir nicht einmal gemeinsam auf die Jagd?“ Wir können nur sagen: Liebe Forscher, bitte bleiben Sie am Ball. Wenn die Brillenforschung immer so tolle Erkenntnisse auf Lager hat, dann wollen wir davon nicht weniger, sondern mehr.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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