https://www.faz.net/-gqz-9hm3h

Doktortitel-Kommentar : Sie hat’s mit den Klassikern!

Margarita Mathiopoulos ist 29 Jahre lange gegen den Entzug ihres Doktortitels angegangen. Jetzt ist das letzte Wort gesprochen. Bild: dpa

Wie sollte man diesem opus magnum et mixtum gerecht werden? 2012 wurde der früheren Politikberaterin Margarita Mathiopoulos der Doktortitel entzogen. Nun wurde endgültig das letzte Wort gesprochen.

          Amerika, du hast es besser! So steht es in der Dissertation von Margarita Mathiopoulos, 1986 von der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn angenommen und 1987 unter dem Titel „Amerika: Das Experiment des Fortschritts“ als Buch veröffentlicht, nicht wörtlich, aber dem Sinn nach, auf jeder der 362 Seiten. Man mag fragen, wie je irgendjemand diese auch ins Englische übersetzte und dort mit einem Vorwort von Gordon Craig versehene Doktorarbeit für eine eigenständige Leistung halten konnte, wie Promotionsordnungen sie verlangen. Amerika, du hast es besser? Das ist doch von Goethe!

          Doch wer die Promotionsschrift würdigen will, die laut einem Gutachten zur Bestellung der Verfasserin als Honorarprofessorin der TU Braunschweig 1995 „nachhaltige Resonanz in Fachkreisen gefunden“ hat, aber schon seit einem „Spiegel“-Artikel vor nunmehr 29 Jahren viel nachhaltigere Resonanz in der Presse findet; wer diesem opus magnum et mixtum gerecht werden will, das ein weiteres positives Gutachten aus dem Braunschweiger Verfahren als einen „Schwamm“ charakterisierte, „der alles aufsaugt“; wer sich der schon von gleich zwei Kommissionen der Universität Bonn und inzwischen fünf Gerichtsinstanzen erledigten kritischen Pflicht noch einmal abschließend unterzieht, der kann nicht anders, als sich mit fremden Federn zu schmücken.

          Zu viel zitiert

          Denn eines kann man über Margarita Mathiopoulos verbreiten, ohne mit einer Gegendarstellungsforderung überzogen zu werden: Sie hat’s mit den Klassikern! Das galt schon für ihren Doktorvater, Karl Dietrich Bracher, und eigentlich auch für Willy Brandt, der als lebendes Denkmal der SPD die junge Büchernärrin für sich sprechen lassen wollte, in deren Bibliothek leider ausgerechnet das Parteibuch fehlte, was dann zum Denkmalsturz führte. Auch ihre tüchtigen Rechtsbeistände im Verfahren gegen die 2012 ausgesprochene Aberkennung des Doktortitels fand sie unter den Vielzitierten: Peter Raue (1969 promoviert an der FU Berlin zum literarischen Jugendschutz) und Gregor Gysi (1975 promoviert an der HU Berlin zur Vervollkommnung des sozialistischen Rechts).

          Das Bundesverwaltungsgericht wies ihre Revision 2017 zurück. War der Senat befangen (Stimmenverhältnis Promovierte/Nichtpromovierte: vier zu eins)? Jetzt hat nach dem Bundesverfassungsgericht als allerletzte Instanz vor dem Jüngsten Gericht auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte den Titelentzug bestätigt. Andreas Falke hatte 1989 als erster Rezensent das Buch als Zitatcollage enttarnt. Sein Urteil fiel allerdings auch in der Sache vernichtend aus, angesichts von Aussagen wie auf Seite 148: „Amerikanische Geschichte bedurfte keiner Manipulation.“ Das unterscheidet die amerikanische Geschichte von der Geschichte, die Margarita Mathiopoulos über sie in die Welt setzte. Für Seite 148 verzeichnet die Internetseite Vroniplag noch kein Plagiat.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Man soll sich ja auch mal entsetzen dürfen Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Van Gogh“ : Man soll sich ja auch mal entsetzen dürfen

          Warum sich dieses Opus anfühlt, wie ein Transformers-Film, nur andersrum, und warum man statt mit Popcorn zu werfen weder Adrenalin-Schauer bekommt, noch gerührt das Kino verlässt, aber sich doch vielleicht ein Malen-nach-Zahlen-Buch kauft, verrät Redakteur Dietmar Dath.

          Topmeldungen

          Busunglück von Madeira : Das Gaspedal oder die Bremsen

          Nach dem schweren Busunglück auf Madeira mit 29 Toten wird über die Ursache gerätselt. Augenzeugen berichten, dass der Fahrer vergeblich versuchte, den Bus gegen eine Mauer zu steuern. Bremsspuren soll es keine geben.

          Brisantes Werbevideo : Kamerahersteller Leica droht Bann in China

          Das Massaker auf dem Tiananmen ist in China ein Tabu-Thema. Der Kamerahersteller Leica bringt es nun in einem Werbevideo zur Sprache. Wie reagiert der Leica-Kunde Huawei?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.