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Zweiter Weltkrieg : Die sexuelle Wehrmacht

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Vae victis Bild: AP

Vergewaltigungen und Verstümmelungen, Misshandlungen und Erniedrigung von Frauen und Zwangsprostitution gehörten zum Alltag deutscher Soldaten „im Osten“. Gleichzeitig suchten jedoch viele Soldaten zwischenmenschliche Nähe, erlebten romantische Affären oder gingen Beziehungen ein.

          Jürgen W., Artillerieoffizier bei der 20. Infanteriedivision, beschreibt in seinem Tagebuch in knappen Worten, wie die Wehrmacht am 7. Oktober 1941 das Dorf Saltanowka im Westen Russlands „durchkämmt“ und „in schneidigem Angriff . . . säubert“. Und er fügt hinzu: „Auch ein Wohnwagen mit ,Damens' für die tapferen Russen wird erbeutet, die Insassinnen sind allerdings durch das M.G.-Feuer leicht beschädigt; aber warum ziehen sie auch in den Krieg. ,Leckere Mädchen', meinen die Landser, als sie zurückkommen.“ Dies ist eine von vielen Geschichten, die Regina Mühlhäuser zum Thema „Eroberungen“ deutscher Soldaten und SS-Männer in der Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges zusammengetragen hat.

          Die laxe Sprache und die Andeutung möglicher sexueller Kontakte der Landser mit den „leckeren Mädchen“ sind typisch für die Art und Weise, wie sexuelle Gewalt, Sexualität und Krieg in der deutschen Gesellschaft damals wahrgenommen und erzählt wurden. Die Selbstverständlichkeit, mit der akzeptiert wird, dass der „virile“ Soldat im Krieg gewaltsam nicht nur Land, sondern auch Frauen erobert, ist Ausgangspunkt der Studie.

          Beobachtungen wie die von Jürgen W. stellt die Autorin in einen größeren Zusammenhang, konfrontiert sie mit anderen Quellen. So bringt sie den „Mythos der ,sauberen Wehrmacht'“ ins Wanken: Vergewaltigungen und Verstümmelungen als Auftakt von Massenerschießungen, Misshandlungen, Erniedrigung von Frauen und Zwangsprostitution gehörten zum Alltag deutscher Soldaten „im Osten“. Gleichzeitig suchten jedoch viele Soldaten zwischenmenschliche Nähe, erlebten romantische Affären oder gingen Beziehungen ein.

          Frau Mühlhäuser möchte die „Vielschichtigkeit des Phänomens“ aufzeigen, die oft „fließenden Grenzen“ zwischen verschiedenen Formen „heterosexueller Zusammentreffen“ nachverfolgen und die Bedeutung der spezifischen historischen Situation für den Umgang mit Sexualität und Gewalt ermitteln. Systematisch analysiert sie das Zusammenspiel von rationaler Kriegsführung, sozialen Machtverhältnissen, individuellen Entscheidungen und Sexualität.

          An der Front gerieten militärische und ideologische Vorgaben tagtäglich mit den Bedürfnissen der Soldaten in Konflikt. Es gehörte zwar zum allgemein anerkannten Bild des kämpfenden Soldaten, dass er sexuell aktiv war. Und den Verantwortlichen war klar, dass sich Kontakte der Männer zu Frauen in den eroberten Gebieten kaum verhindern ließen. In der Duldung von „sexuellen Zusammentreffen“ und sexueller Gewalt lag auch Kalkül: Schließlich sind Vergewaltigungen und die „Entehrung“ von Frauen ein wirkungsvolles Mittel, „um das gegnerische Kollektiv zu schädigen“.

          Gleichzeitig sorgte ungezügelter und ungeregelter Kontakt der deutschen Männer zu den Frauen ihrer Feinde nicht nur für soziale Komplikationen, er widersprach auch dem soldatischen Ideal der „Manneszucht“. Gerade in vielen Gebieten der Sowjetunion war dieser Widerspruch umso größer, als Kontakt zu einheimischen Frauen dem nationalsozialistischen Primat der „Rassenhygiene“ zuwiderlief.

          Sexualität wurde so zur „symbolischen Schnittstelle“ zwischen bewiesener und zu beweisender Männlichkeit und „Ehrverlust“. Die Konflikte, die aus diesem Gegensatz in der Zivil- und Militärverwaltung, bei Militärführung und NS-Ideologen, aber auch zwischen den Führungsebenen von Wehrmacht und SS entstanden, arbeitet Frau Mühlhäuser überzeugend heraus.

          Schwierige Quellenlage: Wer traut sich, etwas zu sagen?

          Für den einzelnen Soldaten blieb die Situation „zumindest uneindeutig“: Die Vorgaben, nach denen er sein „Sexleben“ ausrichten sollte, schwankten je nach Ort, Zeit und Befehlskonstellation zwischen „Kontrolle“ und „Entfesselung“. Die Maßnahmen reichten von „Sanierstuben“, in denen die Männer sich nach dem (unerlaubten) Geschlechtsverkehr medizinisch behandeln lassen konnten, über „Truppenbelehrungen“ und eigens eingerichtete Bordelle bis hin zur Ausstellung von „Eheunbedenklichkeitsbescheinigungen“ und zur sporadischen Registrierung von „Besatzungskindern“.

          Während die Quellen eine eindrucksvolle Darstellung der „Zurichtung“ der Soldaten ermöglichen, bleibt die Beschreibung des Alltags und die Rekonstruktion der Perspektive der betroffenen Frauen „häufig spekulativ“, wie Frau Mühlhäuser erklärt. Sexualität, mehr noch sexuelle Gewalt sind ein gesellschaftliches Tabu, und sowohl Täter als auch Opfer wollen und können nur in den seltensten Fällen davon berichten.

          Während Männer ihre Erlebnisse „nebenbei“ und allenfalls verklausuliert erwähnen (wie Jürgen W.), müssen Frauen traumatische Erlebnisse aufarbeiten und offenlegen. Zudem galten Kontakte der Frauen zu den Besatzern - waren sie gewaltsam erzwungen oder freiwillig - als Fehltritt oder gar Verrat.

          So kann die Autorin zur Erfassung der Perspektive der Frauen nur auf problematische Quellen wie Romane oder Material aus Dokumentarfilmen zurückgreifen und hin und wieder lediglich auf die Notwendigkeit „zukünftiger Forschung“ verweisen. Insgesamt zeigt Regina Mühlhäusers Studie, wie wichtig es ist, das Schweigen über Sexualität, sexuelle Gewalt und ihre genuine Verbindung mit Krieg zu brechen und zu diskutieren.

          Regina Mühlhäuser: Eroberungen. Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion 1941-1945. Hamburger Edition, Hamburg 2010. 416 Seiten, 32,- Euro.

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