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: Zweierlei Vergleich

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Was eine wissenschaftlich seriöse Totalitarismusforschung in vergleichender Perspektive demgegenüber zu leisten vermag, demonstriert ein Sammelband mit Beiträgen deutscher und amerikanischer Historiker, den Michael Geyer und Sheila Fitzpatrick soeben vorgelegt haben. Anders als Wippermann beschränken sie sich von vornherein darauf, den einzig sinnvollen Verbindungslinien nachzugehen, die sich für einen solchen Vergleich anbieten: jenen zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus. Durch empirisch abgesicherte Mikroanalysen einzelner Politik-, Gesellschafts- und Ideologiefelder zeichnen die Autoren ein differenziertes Bild totalitärer Strukturen in beiden Regimen. Dabei geht es den meisten Beiträgern keineswegs um ein bloßes Fortschreiben der klassischen Totalitarismustheorie. Die Suche nach totalitären Gemeinsamkeiten schließt die Erkenntnis substantieller Unterschiede ja keineswegs aus. Solche Divergenzen betonen zum Beispiel Hans Mommsen und Yoram Gorlizki bei ihrem Vergleich der Herrschaftsmodalitäten im bolschewistischen Russland und im nationalsozialistischen Deutschland. Während es den Bolschewisten bekanntlich gelang, mit Hilfe einer neugeschaffenen Elite ein ebenso neuartiges Herrschaftssystem langfristig zu etablieren, scheiterten die Nationalsozialisten, die auf Einbindung der "alten Eliten" setzten, mit ihrem Staatsbildungsprozess gerade an diesem Punkt.

Maßgeblicher als solche Differenzen sind jedoch die Ähnlichkeiten zwischen stalinistischer und nationalsozialistischer Herrschaftspraxis - mithin jene totalitären Übereinstimmungen, deren Existenz Wippermann so vehement glaubt bestreiten zu müssen. Jörg Baberowski und Anselm Doering-Manteuffel weisen in diesem Zusammenhang nach, wie stark sowohl Hitlers rassenbezogener Genozid als auch Stalins klassenorientierter Massenmord von den imperialen, auf Reichsbildung zielenden Absichten beider Diktatoren bestimmt wurden. Andere Berührungspunkte ergeben sich im Blick auf verwandte Utopien zur Planung und Züchtung eines "Neuen Menschen" (Peter Fritzsche und Jochen Hellbeck), auf gleichgerichtete Strategien zur Massenmobilisierung (Christopher Browning und Lewis Siegelbaum), auf ähnlich gelagerte Potentiale sozialer Modernisierung (Sheila Fitzpatrick und Alf Lüdtke) - und immer wieder erscheinen dabei Gewalt und Terror, gerade in ihrer systemkonsolidierenden und identitätsstiftenden Funktion, als gemeinsame Bezugspunkte beider Regime (Christian Gerlach und Nicolas Werth).

Dass es sich bei vielen der miteinander verglichenen Phänomene nicht nur um totalitäre Parallelen handelt, sondern um das Ergebnis partieller wechselseitiger Beeinflussungen, teilweise gar um eindeutige Nachahmungsversuche, gehört zu den vielleicht überraschendsten Einsichten, die eine Lektüre des Bandes vermittelt und die ihn wissenschaftliches Neuland erschließen lässt. Beide Diktaturen, so resümieren Katerina Clark und Karl Schlögel in ihrem lesenswerten Schlussbeitrag, bekämpften einander zwar auf Leben und Tod. Doch sie beobachteten sich zugleich auch sehr genau und versuchten in Einzelfällen von den totalitären Erfahrungen des jeweils anderen zu profitieren. Das macht sie unwiderruflich zu Bestandteilen einer gemeinsamen Geschichte - einer Geschichte der politischen Verlierer des 20. Jahrhunderts.

FRANK-LOTHAR KROLL.

Wolfgang Wippermann: Dämonisierung durch Vergleich: DDR und Drittes Reich. Rotbuch Verlag, Berlin 2009. 160 S., 9,90 [Euro].

Michael Geyer/Sheila Fitzpatrick (Herausgeber): Beyond Totalitarianism. Stalinism and Nazism compared. Cambridge University Press, Cambridge 2009. 536 S., 17,99 [Euro].

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