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: Zur Nachbarschaft verurteilt

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Dem jetzt in Deutschland und bereits vor mehr als einem Jahr in Polen erschienenen Band des West-Instituts in Posen war 2000 das Buch "Polen und Deutsche auf dem Weg zu einer partnerschaftlichen Beziehung" als Bilanz für das Jahrzehnt zwischen 1989 und 1998 vorausgegangen. Nun sollen nur sechs Jahre "präsentistisch ...

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          Dem jetzt in Deutschland und bereits vor mehr als einem Jahr in Polen erschienenen Band des West-Instituts in Posen war 2000 das Buch "Polen und Deutsche auf dem Weg zu einer partnerschaftlichen Beziehung" als Bilanz für das Jahrzehnt zwischen 1989 und 1998 vorausgegangen. Nun sollen nur sechs Jahre "präsentistisch analysiert" werden; im Grunde handelt es sich, wie Dieter Bingen im Vorwort schreibt, um ein Jahrfünft. Die Erklärung liefert das polnische Vorwort von Anna Wolff-Poweska: "Den zeitlichen Rahmen schaffen der Machtwechsel in der Bundesrepublik Deutschland durch die Koalition aus Sozialdemokraten und Bündnis 90/Die Grünen nach 16 Jahren der christlich-liberalen Regierung und der Beitritt Polens zur Europäischen Union." Die polnische Herausgeberin will das Buch verstanden wissen als "das Resultat der Arbeiten deutscher und polnischer Forscher". Aber diese Behauptung stimmt nicht, weil unter den zwanzig Beiträgen achtzehn polnische Autoren und lediglich zwei deutsche zu finden sind. Keine Stimme ist unter den Zeitgenossen so häufig zitiert wie der frühere Bundeskanzler Schröder und die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach. In vielen Aufsätzen ist das "Zentrum gegen Vertreibungen" mit Standort Berlin ein gern aufgegriffenes, breit und auch polemisch behandeltes Thema.

          Die Fakten während dieses Jahrfünfts sind bekannt: Mitgliedschaft Polens in der Nato, Kosovo-Krieg, Polen als Bundesgenosse der Vereinigten Staaten im Irak, Mitgliedschaft in der EU. Zu den einzelnen Vorgängen und Ereignissen gibt es eine Fülle von Leitartikeln und Kommentaren in Rundfunk und Fernsehen, die Meinungen vortragen und Urteile bilden helfen. Darüber hinaus erhalten in dem dickleibigen Band diejenigen das Wort, die den Ablauf der jüngsten Geschichte analysieren, in größeren Zusammenhängen sehen, tiefer schürfen, kritisch bilanzieren. Die Folge ist jedoch, daß der Leser nichts umwerfend Neues erfährt. Um den ausgebreiteten Stoff interessant zu machen, werden häufig bis zum Überdruß Umfrageergebnisse eingeblendet, obwohl man sich dann wieder vom Wert solcher Umfragen distanziert. Das Vorhaben der Autoren ist ehrenwert: Man sieht Spannungen im deutsch-polnischen Verhältnis, möchte die Nachbarschaft, zu der man aus polnischer Sicht "verurteilt" ist, neu beleben und will dazu aufklärende Hilfe leisten.

          Ein Beitrag sei herausgehoben: Die polnische Politikwissenschaftlerin Beata Ociepka beschreibt "Das Bild der Deutschen und der Polen in den Medien". Sie schildert, wie plötzlich in den polnischen Medien das "Zentrum gegen Vertreibungen" hochgespielt worden ist. Es war - journalistisch ausgedrückt - "Sauregurkenzeit". Wojziech Pieclak hingegen schießt in seinem Beitrag aus allen Rohren gegen dieses Zentrum und fragt, wo Polen in der Berliner "Erinnerungslandschaft" mit Holocaust-Gedenken und Vertriebenenmahnmal bleibe. Altera pars audiatur. Leider fehlen Berichte über das Jahrfünft aus deutscher Sicht. Ohnehin stellt sich die Frage, ob es dringend geboten sei, Texte zu publizieren, die nur Bekanntes anmaßend gewichtig und bedeutsam neu formulieren.

          HERBERT HUPKA

          Anna Wolff-Poweska/Dieter Bingen (Herausgeber): Nachbarn auf Distanz. Polen und Deutsche 1998-2004. Veröffentlichungen des Deutschen Polen-Instituts Darmstadt. Harassowitz Verlag, Wiesbaden 2005. 496 S., 29,80 [Euro].

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