https://www.faz.net/-gqz-qzzt

: Zu den Wurzeln

  • Aktualisiert am

Siegfried Landshut: Politik - Grundbegriffe und Analysen. Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk in zwei Bänden. Herausgegeben von Rainer Nicolaysen. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2004. 1034 Seiten, 60,- [Euro].Neben Arnold Bergstraesser in Freiburg, Theodor Eschenburg in Tübingen, Eric Voegelin ...

          Siegfried Landshut: Politik - Grundbegriffe und Analysen. Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk in zwei Bänden. Herausgegeben von Rainer Nicolaysen. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2004. 1034 Seiten, 60,- [Euro].

          Neben Arnold Bergstraesser in Freiburg, Theodor Eschenburg in Tübingen, Eric Voegelin in München, Ernst Fraenkel in Berlin und Wolfgang Abendroth in Marburg gehörte Siegfried Landshut zu den Gelehrten, die nach 1945 die Politische Wissenschaft als theoretische und am Gemeinwohl orientierte, eigenständige Disziplin an den Universitäten der Bundesrepublik wieder begründeten. Bereits 1928 wollte er sich als erster deutscher Wissenschaftler im zwanzigsten Jahrhundert für das "Fach der Politik" habilitieren. Doch 1933 als Jude von der Universität Hamburg vertrieben, erhielt er erst 1951, nach 17 Jahre währender entbehrungsreicher Emigration, in Hamburg einen politikwissenschaftlichen Lehrstuhl.

          Für den 1897 geborenen und 1968 gestorbenen Landshut hat "Politica", die Politische Wissenschaft - mit ihrer zweieinhalbtausendjährigen antiken und jüdisch-christlichen Tradition eine der ältesten Wissenschaften -, einen notwendig doppelten Aspekt: Sie fragt nicht nur durch empirisch-historische Beobachtung und Beschreibung nach den bestimmenden Umständen des menschlichen Zusammenlebens, sondern zugleich theoretisch-normativ nach dem Sinn der politischen Existenz des Menschen, nach dem Wesen der politischen Gemeinschaft. In einem damals weithin beachteten Vortrag "Empirische Forschung und Grundlagenforschung in der Politischen Wissenschaft" in Tutzing 1958 hat Landshut die moderne Betonung der empirischen Forschung auf Kosten der Theorie von der Politik kritisiert: Die Fragen, mit denen die Politische Wissenschaft "zu tun hat, sind nicht ihre eigenen, nicht die Fragen des reflektierenden Bewußtseins der Zeit, sondern es wird von ihr erwartet, daß sie Fragen löst, die ihr von der täglichen Praxis vorgeschlagen werden. So kommt ihr eigentlich nur die sekundäre Rolle einer Hilfsveranstaltung, einer Technologie, zu. In diesem Eifer kommt sie nicht dazu, von sich aus, aus der Reflektion der Zeit, der Wirklichkeit ihre eigenen Fragen zu stellen und die Begriffe, mit denen diese Wirklichkeit hantiert, auf ihre eigentliche, ihre politische Bedeutung hin zu befragen. Das aber scheint mir die eigentliche Sache der Wissenschaft zu sein."

          Ein halbes Jahrhundert später, da die Politische Wissenschaft in viele spezielle "Hilfsveranstaltungen" aufgesplittert und von allerhand Parteien-, Wahl- und Meinungsforschern, Terrorismus- und anderen "Experten" beherrscht zu sein scheint, hat die Forderung nach einer theoretischen und womöglich auch normativen Fundierung der Politischen Wissenschaft nichts von ihrer Aktualität verloren, im Gegenteil. Doch Landshut, der im Gegensatz etwa zu Bergstraesser keine Schule bilden konnte, ist heute auch in der Wissenschaft weithin unbekannt. Man erinnert sich an ihn allenfalls als Herausgeber der Frühschriften von Karl Marx. Die Erstausgabe erschien 1932 in zwei Bänden, eine Neuausgabe erst 1953, die bis heute mehrere Auflagen erlebte. Landshuts Werk, teils unveröffentlicht geblieben, teils verstreut veröffentlicht, ist in Vergessenheit geraten. Zwar erschien 1969 unter dem Titel "Kritik der Soziologie und andere Schriften zur Politik" eine Sammlung von Texten in der von Wilhelm Hennis und Hans Maier herausgegebenen Reihe "Politica - Abhandlungen und Texte zur Politische Wissenschaft", doch wurde diese kurz darauf eingestellt. Nicht verkaufte Exemplare wurden eingestampft.

          Rainer Nicolaysen, Verfasser der Biographie "Siegfried Landshut. Die Wiederentdeckung der Politik", und dem "Förderkreis Edition S. Landshut" ist es zu danken, daß nun wenigstens eine Auswahl aus dem Gesamtwerk in zwei Bänden erscheinen konnte. Sie enthalten die vollständigen Texte seiner beiden Habilitationsschriften "Kritik der Soziologie" von 1928 (die nicht angenommen wurde) und "Analyse des Begriffs des Ökonomischen" von 1933 (die nicht "weiterverfolgt" wurde) sowie seine 1944 in Palästina nur in Hebräisch erschienene Untersuchung "Die Gemeinschafts-Siedlung in Palästina". Diese Kibbuz-Studie erscheint hier erstmals in der deutschen Originalfassung. Aufgenommen wurden weiterhin die tiefgründigen Forschungen Landshuts zu Karl Marx, Alexis de Tocqueville und Max Weber. Eine Auswahl aus dem Werk Tocquevilles hatte Landshut 1954 übersetzt und unter dem Titel "Das Zeitalter der Gleichheit" herausgegeben. Das Herzstück der Auswahl bilden jene Aufsätze, Lexikon- und Wörterbuch-Artikel, in denen Landshut Grundbegriffe der Politik untersucht, die in der Zusammenschau eine Art Grundlegung der "Wissenschaft von der Politik" darstellen, wie er sie in dem erwähnten Vortrag von 1958 skizzierte. Zeitlich spannt sich der Bogen von dem 1925 erschienenen Aufsatz "Über einige Grundbegriffe der Politik" bis zu den "Bemerkungen zu Machiavelli".

          Der Begriff der Repräsentation ist für Landshut der politische Begriff schlechthin. Demokratie, Volkssouveränität, Verfassung, Legitimität und Legalität, Politische Partei, Nation und Nationalismus, Menschenrechte sind weitere Grundbegriffe der Politik, die Landshut abhandelt. Er untersucht "Volkssouveränität und öffentliche Meinung", "Wandlungen der parlamentarischen Demokratie", "Formen und Funktionen der parlamentarischen Opposition" und legt damit Arbeiten vor, die ein halbes Jahrhundert nach ihrer Niederschrift angesichts der gegenwärtigen Lage der Politik mit großem Gewinn gelesen werden können. Landshuts Forderung nach Rückkehr zu den Wurzeln der Politik, nach einer Politischen Wissenschaft im Geist ihrer bis zu Aristoteles zurückreichenden abendländischen Tradition ist auch heute, da nach Werten und Orientierung gesucht wird, von besonderer Bedeutung.

          PETER JOCHEN WINTERS

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.