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: Zentralasiatische Zitterpartien

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Interessenkonflikte sind immer auch Ordnungskonflikte. Über politische Ordnungen lässt sich vergleichsweise leicht urteilen. Mit Interessen ist das schwieriger. Denn selbst wenn die eigenen Interessen und die anderer Akteure sich in die Quere kommen, kann man, bleibt man ehrlich, niemandem absprechen wollen, seine jeweiligen eigenen Interessen zu verfolgen.

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          Interessenkonflikte sind immer auch Ordnungskonflikte. Über politische Ordnungen lässt sich vergleichsweise leicht urteilen. Mit Interessen ist das schwieriger. Denn selbst wenn die eigenen Interessen und die anderer Akteure sich in die Quere kommen, kann man, bleibt man ehrlich, niemandem absprechen wollen, seine jeweiligen eigenen Interessen zu verfolgen. Genau an diesem Punkt setzt Politik ein. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben besteht in der Konflikteindämmung mittels Abgleich unterschiedlicher Interessen.

          In einigermaßen klaren Verhältnissen sind dafür durchaus Erfolgschancen vorhanden. Wenn die Verhältnisse aber fast gar nicht mehr zu durchschauen sind, wenn die Interessen zu vielschichtig und die Ordnungsvorstellungen zu widersprüchlich und auch noch mit kollektiven Gefühlen wie Angst, Hass, Wut und Rachebedürfnis aufgeladen sind, dann droht die Konflikteindämmung zu misslingen. Damit ist die Situation in Zentralasien umschrieben. Vom Kaukasus bis zur chinesischen Westprovinz Xinjiang und von der Osttürkei bis Pakistan dehnt sich diese Konfliktregion aus. Sie ist gekennzeichnet durch Allgegenwart von Gewalt als einem billigen Mittel der Politik, durch instabile Regime und die Expansion eines in sich zersplitterten politischen Islams, ferner durch die Gleichzeitigkeit von Ressourcenüberfluss (Öl, Gas) und Ressourcenmangel (Süßwasser), durch Modernisierungsdefizite und nicht zuletzt die politischen Einmischungen der großen Mächte der Weltpolitik. Über das, was in den westlichen Ländern neuerdings etwas euphemistisch mit Energiesicherheit bezeichnet wird, sowie über den internationalen Terrorismus sind die regionalen Gefährdungen schon längst zu globalen Problemen geworden. Auch wenn das in Deutschland erst seit kurzem öffentlich deutlicher wahrgenommen wird.

          Das Buch des britischen Historikers Rob Johnson ist ein sehr konzentrierter, die Wurzeln der aktuellen Konflikte nicht vernachlässigender Bericht über die Probleme der Staaten Zentralasiens. Hier kann man sich rasch einen soliden Überblick verschaffen über die Verknäuelungen der Interessen höchst unterschiedlicher Akteure, von den alt-neuen Herrschaftseliten in den ehemaligen sowjetischen Teilrepubliken bis zu den fundamentalistischen Dschihad-Predigern und den Drogenkartellen, von den transnationalen menschenrechtsorientierten Nichtregierungsorganisationen bis zu den westlichen Regierungen, die sich nicht recht über ein einheitliches Vorgehen einigen mögen. Johnson weiß das alles spannend zu erzählen. Gut dokumentierter Detailreichtum und zusammenfassende Zuspitzung passen ausgezeichnet zusammen.

          Afghanistan ist, was Ressourcen betrifft, gewiss nicht das wichtigste Land in Zentralasien. Aber hier treffen alle zentralasiatischen Probleme wie in einem Brennspiegel aufeinander. Es ist damit zum Spielball unterschiedlicher Interessen geworden und zu einem Symbolprojekt westlicher Konsolidierungspolitik. Gelingt es nicht, Afghanistan als einen gemäßigten islamischen Staat zu stabilisieren - von einer Demokratie nach westlichen Maßstäben ist sowieso nie die Rede gewesen -, dann bedeutet das einen in den Auswirkungen kaum zu überschätzenden Rückschlag für die ordnungspolitischen Interessen des Westens und auch für die große Mehrheit der Menschen in Afghanistan.

          Wie schwer sich der Westen mit Afghanistan tut und aus welchen Gründen ein Scheitern beim Wiederaufbau des Landes zu einer bedrohlichen Möglichkeit geworden ist, beschreibt der deutsch-türkische Journalist Can Merey. Sein Buch basiert auf eigenen Erfahrungen, die er als Südasien-Korrespondent einer Nachrichtenagentur gesammelt hat. Außerdem ist er ein guter Beobachter und aufmerksamer Zuhörer. Zahlreiche Interviews und Hintergrundgespräche haben dazu beigetragen, dass der Autor ein faires und facettenreiches Bild der afghanischen Alltagswelt nachzeichnen und die destruktiven wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen im Lande plausibel erklären kann. Von besonderem Interesse sind auch seine sorgfältig abgewogenen Antworten auf die Frage, warum das "militärische Experiment" der gleichzeitigen Taliban- und Terroristenbekämpfung einerseits und des Schutzes ziviler Wiederaufbaumaßnahmen andererseits nicht besonders gut verläuft. Die Kontingente westlicher Streitkräfte ziehen sich quasi selbst den Teppich unter den Füßen weg, weil sie nach unterschiedlichen Konzepten operieren und weil sie durch eine eigenartige Mischung aus gutem Willen, innenpolitisch motivierter Vorsicht und Bürokratie gelähmt werden.

          Die Sympathie des Autors für Land und Leute kommt ohne alle pompösen Sprüche aus. Auf diese Weise bleiben er und seine Leser gefeit gegen die Versuchung, die Guten, die Bösen und die Hässlichen haargenau identifizieren zu wollen. Patentlösungen findet man hier nicht, auch in dem Buch von Johnson nicht, denn es gibt keine. Aber das skeptische Fazit von Merey dürfte angemessen sein: Käme es zu einem verfrühten Rückzug der ausländischen Truppen, würde das Land rasch wieder zum Rückzugsgebiet internationaler Terroristen werden. Mit Konsequenzen hätten diese nicht mehr zu rechnen, denn ein zweites Mal würde der Westen ein militärisches Experiment in Afghanistan nicht wagen. Deshalb darf es nicht scheitern.

          WILFRIED VON BREDOW

          Rob Johnson: Pulverfass am Hindukusch. Dschihad, Erdöl und die Großmächte in Zentralasien. Aus dem Englischen von Heike Schlatterer und Werner Roller. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2008. 248 S., 21,90 [Euro].

          Can Merey: Die afghanische Misere. Warum der Westen am Hindukusch zu scheitern droht. Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2008. 308 S., 19,90 [Euro].

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