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: Wir brauchen nur Diäten

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"Dieses spitznasige Pergamentgesicht, dieser Pater Filucius", schmähte Carl von Ossietzky, Herausgeber der "Weltbühne", 1930 Heinrich Brüning, den letzten parlamentarisch gewählten Reichskanzler der Weimarer Republik: zu einer Zeit, als die verbliebenen Anhänger von Recht und Freiheit allen Grund gehabt hätten, ihre Wut ganz auf die NSDAP zu konzentrieren.

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          "Dieses spitznasige Pergamentgesicht, dieser Pater Filucius", schmähte Carl von Ossietzky, Herausgeber der "Weltbühne", 1930 Heinrich Brüning, den letzten parlamentarisch gewählten Reichskanzler der Weimarer Republik: zu einer Zeit, als die verbliebenen Anhänger von Recht und Freiheit allen Grund gehabt hätten, ihre Wut ganz auf die NSDAP zu konzentrieren. Aber das Negativ-Image Brünings - diese Mischung von bürokratischer Blutleere und jesuitischer Tücke - vereinte alle herkömmlichen linksliberalen Horrorbilder. Daher konnte sich ein Ossietzky so gut auf ihn einschießen. Am witzigsten kämpft die Satire oft gegen die Feinde von gestern.

          Gerade der "Weltbühne" Ossietzkys wird Hellsichtigkeit gegenüber der nationalsozialistischen Gefahr nachgerühmt. Und doch: Noch 1931 verhöhnte Ossietzky Hitler als "feige, verweichlichte Pyjamaexistenz" und "schnell feist gewordenen Kleinbürger"; dieser habe nicht den Schneid, die ihm durch den lawinenartigen Anstieg der NSDAP zugewachsene Chance wahrzunehmen und einfach loszuschlagen, also den Griff nach der Macht zu wagen. Nicht daß er ein schlechter Demokrat sei, machte Ossietzky Hitler zum Vorwurf, vielmehr einen Mangel an Mut und Brutalität: Der angebliche "Führer" sei kein wahrer Führer. Im Grunde also eine hyperfaschistische Kritik, die Hitler darin bestärken mußte, daß er gar nicht rücksichtslos genug sein konnte, um nicht nur seinen Gefolgsleuten, sondern auch seinen Gegnern zu imponieren. Zugleich wird in peinlicher Weise deutlich, wie Ossietzky das politische Getriebe der Weimarer Republik dermaßen verabscheut, daß er fast um jeden Preis eine radikale Veränderung herbeisehnt.

          Bereits Kurt Sontheimer hatte in seinem Klassiker "Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik" (1962), der sich mit der Demokratiefeindschaft der nationalistischen Rechten befaßte, zu erkennen gegeben, daß auch die intellektuelle Wühlarbeit der extremen Linken gegen die Weimarer Demokratie ein weites Feld sei, mit der "gnadenlosen und höhnischen Aburteilung der deutschen Demokratie" durch Kurt Tucholsky als besonders üblem Exempel. Dabei ist dessen Gedicht von 1920, als die Zukunft der Weimarer Republik noch offen war, eines der eher harmlosen, noch halb humorigen Beispiele: "Der Schmerbauch, der im Reichstag sitzt, / trieft von des ,Volkes Würde'. / Die Brille rutscht. Der Brave schwitzt. / Trägt schwer an seiner Bürde. / Zum Teufel mit den Räten! / Wir brauchen nur Diäten! / Und Herrn im steifen Oberhemd / Im Pi-Pa-Parlament."

          Riccardo Bavaj, Jahrgang 1976, der diese Reimerei zitiert, sucht nun mit seinem Buch das auf die Linke gerichtete Pendant zu Sontheimer zu präsentieren. Er handelt von "antiparlamentarischem", nicht von antidemokratischem Denken: Ein zumindest verbales Bekenntnis zur Demokratie war auf der Linken allgemein, wenn die Geschichte auch gezeigt hat, daß die radikale Linke für die totalitäre Versuchung nicht weniger anfällig war als die Rechte. Zumindest ein gedankliches Grundmuster hatten beide Seiten, wenn auch in unterschiedlichem Jargon formuliert, miteinander gemein: die auf Rousseau zurückgehende Vorstellung, es gebe tatsächlich "das Volk" als einen zu einem gemeinsamen Willen fähigen Akteur, der keine Repräsentanten brauche, ja dessen Wille durch repräsentative Organe nur verfälscht werde. An neuere Forschungen anknüpfend, glaubt Bavaj, es lohne sich, "das Phänomen von ,Austauschdiskursen' zwischen rechter und linker Intelligenz" stärker ins Blickfeld zu rücken - entsprechend der Blödelei von Ernst Jandl, daß sich "lechts und rinks" mitunter "velwechsern".

          Der Führerkult trieb bei den Kommunisten nicht geringere Exzesse als bei den Faschisten, nahm aber nicht in gleichem Maße ideologische Form an. Wie einst Otto-Ernst Schüddekopf in seinen "Linken Leuten von rechts" (1960) zeigte, gab es während der Weimarer Republik zwischen der radikalen Linken und der radikalen Rechten Fluktuationen, personelle wie ideelle; insgesamt allerdings wurde die Polarisierung zwischen rechts und links deutlich starrer, als sie das unter den Intellektuellen vor 1914 gewesen war, als Nietzsche - der hier nur noch sporadisch vorkommt - von radikalen Neuerern wie von Neu-Rechten verehrt wurde. Bavaj präsentiert über 500 Seiten eine Zitatenkaskade von linkem Antiparlamentarismus, tut sich jedoch schwer damit, gedankliche Grundmuster herauszuarbeiten. Schon die Gliederung des Buches zeugt von der Mühsal, in die Zitatenmasse eine Struktur hineinzubringen. Die Zergliederung nach "Parteienlandschaft" und "Kulturleben" ist gerade in der Linksintelligenz teilweise recht künstlich; Organisationen wie die KPD rangieren auf gleicher Ebene neben Einzelpersönlichkeiten wie Karl Korsch und Georg Lukács.

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