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: Wiedererinnerte Schrecken

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Etwa 13,5 Millionen Menschen haben während des Zweiten Weltkriegs Zwangs- und Sklavenarbeit für das nationalsozialistische Deutschland geleistet. Sie kamen aus fast allen Ländern Europas. Die mit über viereinhalb Millionen Betroffenen größte Gruppe stammte aus der Sowjetunion. Aber auch Millionen von Polen, Franzosen und Italienern wurden zur Arbeit gezwungen.

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          Etwa 13,5 Millionen Menschen haben während des Zweiten Weltkriegs Zwangs- und Sklavenarbeit für das nationalsozialistische Deutschland geleistet. Sie kamen aus fast allen Ländern Europas. Die mit über viereinhalb Millionen Betroffenen größte Gruppe stammte aus der Sowjetunion. Aber auch Millionen von Polen, Franzosen und Italienern wurden zur Arbeit gezwungen. Die Aufmerksamkeit für die Opfer der Zwangsarbeit setzte relativ spät ein. Erst die seit den neunziger Jahren geführte Auseinandersetzung mit Entschädigungszahlungen brachte hier eine Wende. Bis dahin hatten sich nicht wenige ehemalige Zwangsarbeiter in Osteuropa, aber zum Beispiel auch in Frankreich mit dem Verdacht der Kollaboration auseinanderzusetzen. Die über lange Zeit relativ geringe Aufmerksamkeit für die Geschichte der Zwangsarbeit führte dazu, dass diese vergleichsweise selten zum Gegenstand von Zeitzeugenprojekten wurde. Das gilt jedenfalls für systematische, den jeweiligen Einsatzbereich, die Region oder das Herkunftsland übergreifende Untersuchungen. In dieser Hinsicht betritt der von Alexander von Plato, Almut Leh und Christoph Thonfeld herausgegebene Band tatsächlich das im Vorwort beschworene "wissenschaftliche Neuland".

          Dem Band liegt ein von der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" finanziertes Projekt zugrunde, in dem fast 600 ehemalige Zwangs- und Sklavenarbeiter in 27 Ländern interviewt wurden. Die Federführung lag beim "Institut für Geschichte und Biographie" der Fernuniversität Hagen. Verfolgt wurde ein "lebensgeschichtlicher Ansatz", in dem neben der "Real-" auch die "Erfahrungsgeschichte" erfasst werden sollte. Entsprechend fragte man nicht nur nach den Lebens- und Arbeitsbedingungen während der Zwangsarbeit, sondern auch nach den Erfahrungen vor dem Krieg, nach der Heimkehr aus Deutschland, den Konsequenzen für den weiteren Lebenslauf und nach dem Umgang mit der Erinnerung. Es sind nicht in sich geschlossene Einzelbeiträge, die den Band zu einer eindringlichen Lektüre machen. Gerade der häufig vorläufige, berichtende Duktus der insgesamt zwanzig Länderbeiträge und fünf systematischen Aufsätze, in denen auch die Schwierigkeiten der Forschungsarbeit nicht verschwiegen werden, erweist sich am Ende als Stärke. Der Leser erhält einen Einblick in das komplizierte Geflecht des Themas, das eben nicht 1945 mit der Heimkehr der Verschleppten einfach abgeschlossen war. Das beginnt mit der Auswahl der Zeitzeugen. Nicht immer fiel die Suche leicht. In Frankreich etwa gelang es erst nach langer Recherche, aussagebereite ehemalige Zwangsarbeiter der Kampagne "Service du Travail Obligatoire" zu finden, in deren Rahmen bis zu 200000 Franzosen zur Arbeit nach Deutschland gebracht wurden. Dagegen erwies es sich in Polen und den Vereinigten Staaten als schwierig, Personen zu finden, die noch nicht interviewt worden waren.

          Unterschiedlich stellte sich auch der Umgang der Zeitzeugen mit dem (wieder)erinnerten Schrecken dar. Während manche die Möglichkeit der "oral history" bewusst nutzten, um allgemeine Lehren aus der Geschichte weiterzugeben, erzählten andere offenbar zum ersten Mal ausführlich ihre persönlichen Erlebnisse, und entsprechend baten Familienmitglieder darum, zuhören zu dürfen. Hier ergaben sich dann Beziehungen zur "Kultur der Erinnerung" an den Zweiten Weltkrieg. Da Zwangsarbeit fast nirgendwo zum festen Bestandteil des öffentlichen Gedenkens geworden war, fiel das Sprechen darüber vielen Betroffenen lange Zeit schwer.

          Was die "Realgeschichte" anbelangt, so bestätigt der Band viele bisherige Erkenntnisse. Grundsätzlich hatten die sogenannten Ostarbeiter ein deutlich schwereres Los als Zwangsarbeiter aus Westeuropa; auf dem Land waren die Bedingungen wohl trotz allem besser als in der Industrie. Am härtesten traf es die Sklavenarbeiter aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern, die ungefähr ein Drittel der Befragten ausmachten. Ihre Überlebenschance war gering, dennoch war für sie Arbeit vielfach die einzige Hoffnung auf Leben. Bemerkenswert sind der häufig dokumentierte Wechsel des Einsatzortes sowie die Tatsache, dass die Deutschen oft ganze Familien und Dorfgemeinschaften verschleppten. Neben dem Leiden dokumentiert der Band aber auch als positiv empfundene Erlebnisse. Einzelne Deutsche leisteten auch Hilfe.

          Zwangsarbeit war allgegenwärtige, millionenfache Realität im vom nationalsozialistischen Deutschland beherrschten Europa. Verschleppung, Ankunft in Deutschland, Arbeits- und Lebensbedingungen, Heimkehr, Reintegration in die heimische Gesellschaft und Erinnerung unterschieden und unterscheiden sich allerdings beträchtlich. Und so sind es vor allem die vielen gut dokumentierten Einzelschicksale, die den Band auszeichnen. Da ist der tschechische Gymnasiast, der nach dem Abitur zur Zwangsarbeit nach Kiel und Hamburg geschickt wird. Er erlebt die schweren Luftangriffe der Alliierten in deutscher Uniform als Helfer des deutschen Luftschutzes. Da ist die "Ostarbeiterin" aus Weißrussland, die bei der Arbeit in einem brandenburgischen Stahlwerk schwer verletzt wird. Nach ihrer Rückkehr lässt sich ihr Mann scheiden. Er möchte lieber in der kommunistischen Partei bleiben, als "mit einer vermeintlichen Verräterin zusammenzuleben". Schließlich sind da die Erlebnisse der vielen italienischen Kriegsgefangenen, die nach dem Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten im September 1943 zur Arbeit gezwungen wurden. Die Erinnerungen von vier von ihnen werden in dem Band genauer verfolgt. Sie litten an Hunger und Krankheiten. Sie wurden misshandelt und quer durch das vom Deutschen Reich beherrschte Europa transportiert. Sie arbeiteten in Rüstungsbetrieben, bei der Ernte und hoben Panzergräben gegen die heranrückende Rote Armee aus. Die vier überlebten. 30000 bis 50000 ihrer Leidensgenossen starben.

          FRIEDRICH KIESSLING

          Alexander von Plato/Almut Leh/Christoph Thonfeld (Herausgeber): Hitlers Sklaven. Lebensgeschichtliche Analysen zur Zwangsarbeit im internationalen Vergleich. Böhlau Verlag, Wien/Köln 2008. 498 S., 59,- [Euro].

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