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: Wiedererinnerte Schrecken

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Unterschiedlich stellte sich auch der Umgang der Zeitzeugen mit dem (wieder)erinnerten Schrecken dar. Während manche die Möglichkeit der "oral history" bewusst nutzten, um allgemeine Lehren aus der Geschichte weiterzugeben, erzählten andere offenbar zum ersten Mal ausführlich ihre persönlichen Erlebnisse, und entsprechend baten Familienmitglieder darum, zuhören zu dürfen. Hier ergaben sich dann Beziehungen zur "Kultur der Erinnerung" an den Zweiten Weltkrieg. Da Zwangsarbeit fast nirgendwo zum festen Bestandteil des öffentlichen Gedenkens geworden war, fiel das Sprechen darüber vielen Betroffenen lange Zeit schwer.

Was die "Realgeschichte" anbelangt, so bestätigt der Band viele bisherige Erkenntnisse. Grundsätzlich hatten die sogenannten Ostarbeiter ein deutlich schwereres Los als Zwangsarbeiter aus Westeuropa; auf dem Land waren die Bedingungen wohl trotz allem besser als in der Industrie. Am härtesten traf es die Sklavenarbeiter aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern, die ungefähr ein Drittel der Befragten ausmachten. Ihre Überlebenschance war gering, dennoch war für sie Arbeit vielfach die einzige Hoffnung auf Leben. Bemerkenswert sind der häufig dokumentierte Wechsel des Einsatzortes sowie die Tatsache, dass die Deutschen oft ganze Familien und Dorfgemeinschaften verschleppten. Neben dem Leiden dokumentiert der Band aber auch als positiv empfundene Erlebnisse. Einzelne Deutsche leisteten auch Hilfe.

Zwangsarbeit war allgegenwärtige, millionenfache Realität im vom nationalsozialistischen Deutschland beherrschten Europa. Verschleppung, Ankunft in Deutschland, Arbeits- und Lebensbedingungen, Heimkehr, Reintegration in die heimische Gesellschaft und Erinnerung unterschieden und unterscheiden sich allerdings beträchtlich. Und so sind es vor allem die vielen gut dokumentierten Einzelschicksale, die den Band auszeichnen. Da ist der tschechische Gymnasiast, der nach dem Abitur zur Zwangsarbeit nach Kiel und Hamburg geschickt wird. Er erlebt die schweren Luftangriffe der Alliierten in deutscher Uniform als Helfer des deutschen Luftschutzes. Da ist die "Ostarbeiterin" aus Weißrussland, die bei der Arbeit in einem brandenburgischen Stahlwerk schwer verletzt wird. Nach ihrer Rückkehr lässt sich ihr Mann scheiden. Er möchte lieber in der kommunistischen Partei bleiben, als "mit einer vermeintlichen Verräterin zusammenzuleben". Schließlich sind da die Erlebnisse der vielen italienischen Kriegsgefangenen, die nach dem Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten im September 1943 zur Arbeit gezwungen wurden. Die Erinnerungen von vier von ihnen werden in dem Band genauer verfolgt. Sie litten an Hunger und Krankheiten. Sie wurden misshandelt und quer durch das vom Deutschen Reich beherrschte Europa transportiert. Sie arbeiteten in Rüstungsbetrieben, bei der Ernte und hoben Panzergräben gegen die heranrückende Rote Armee aus. Die vier überlebten. 30000 bis 50000 ihrer Leidensgenossen starben.

FRIEDRICH KIESSLING

Alexander von Plato/Almut Leh/Christoph Thonfeld (Herausgeber): Hitlers Sklaven. Lebensgeschichtliche Analysen zur Zwangsarbeit im internationalen Vergleich. Böhlau Verlag, Wien/Köln 2008. 498 S., 59,- [Euro].

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