https://www.faz.net/-gqz-12f2o

: Widerstand gegen den Zeitgeist

  • Aktualisiert am

Was heißt und wozu betreiben wir Politikwissenschaft? Auf diese Frage konnte der 1922 geborene Karl Dietrich Bracher, der das Scheitern der Weimarer Republik in existentieller Unmittelbarkeit miterlebt hatte, noch eine eindeutige Antwort geben. Die Politikwissenschaft hatte aufzuklären und ein politisches Bewusstsein ...

          4 Min.

          Was heißt und wozu betreiben wir Politikwissenschaft? Auf diese Frage konnte der 1922 geborene Karl Dietrich Bracher, der das Scheitern der Weimarer Republik in existentieller Unmittelbarkeit miterlebt hatte, noch eine eindeutige Antwort geben. Die Politikwissenschaft hatte aufzuklären und ein politisches Bewusstsein zu entwickeln, damit die Bonner Demokratie nicht wie die erste deutsche Demokratie endete, die liberale Demokratie nicht wieder in eine totalitäre Diktatur umschlug. Dieser Impetus stand auch hinter seiner schon bald zum Klassiker gewordenen Pionierstudie "Die Auflösung der Weimarer Republik", die Bracher, der seine Karriere als ein an den Werken Thukydides geschulter Althistoriker begonnen hatte, als ein "typisches Modell für die Probleme der Erringung und Erhaltung, des Abbaus und Verlusts politischer Macht" verstanden wissen wollte. Die Kontroverse, die die Arbeit bei ihrem Erscheinen 1955 auslöste, verweist auf den Gegensatz einer Geschichtswissenschaft, die noch einer National- und Staatsideologie obrigkeitlicher Prägung verhaftet war, und einer Zeitgeschichte, die sich der Politikwissenschaft westlich-liberaldemokratischer Herkunft öffnete. Während der Historiker Werner Conze in Brüning den letzten Kanzler vor der Auflösung der Weimarer Demokratie sah und dem Parteienstaat große Schuld an deren Scheitern zumaß, interpretierte Bracher die von Brüning betriebene Politik der Notverordnungen als eine Rückkehr des bürokratischen Obrigkeitsstaates, als ein Präludium für die Machtübernahme der Nationalsozialisten.

          Bracher hatte drei Jahre als Kriegsgefangener in den Vereinigten Staaten verbracht, als Postdoktorand ein Jahr in Harvard studiert und am Berliner Institut für Politische Wissenschaft eng mit dem aus Amerika zurückgekehrten Emigranten Ernst Fraenkel zusammengearbeitet. Und er verstand wie die meisten Vertreter des Faches in den fünfziger Jahren Politikwissenschaft als "Wissenschaft der Demokratie, jener politischen Lebensform, die nicht einfach in formalen Staatseinrichtungen besteht, sondern in dem Willen und Vermögen der Nation, einen maßgebenden und selbstbewussten Einfluss auf die Staatsgeschäfte zu gewinnen". Zugleich begriff Bracher die neue, noch um ihre Anerkennung ringende Disziplin als eine Integrationswissenschaft, die die Rückkoppelung mit Nachbardisziplinen wie der Philosophie, der Geschichte, der Rechtswissenschaft und der Ökonomie suchen müsse. Seine große innovative Leistung lag in dem Brückenschlag von der Zeitgeschichte zur Politikwissenschaft, in der Verbindung von Strukturanalyse, Ereignisgeschichte und ideenpolitischer Theoriebildung.

          Mit dieser Verknüpfung von Zeitgeschichte und Politikwissenschaft prägte Bracher die Bonner Tradition der Politikwissenschaft, seit er dort 1959 den ersten Lehrstuhl für Wissenschaft von der Politik übernahm, der auf seinen Wunsch schon bald in Lehrstuhl für Wissenschaft von der Politik und Zeitgeschichte umbenannt wurde. Der Bonner Ordinarius verhehlte nicht die pädagogische Mission des neuen Faches, das er lehrte, hatte doch die Kapitulation der Wissenschaft vor dem Nationalsozialismus deren Unfähigkeit zur politischen Urteilsbildung demonstriert und damit die Notwendigkeit von politischer Bildung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Bild aus alten Tagen: Erzbischof Friedrich Wetter und Josef Kardinal Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., in München.

          Ratzingers Fehlverhalten : Bis in höchste Kreise

          Der vormalige Papst Benedikt will eine Brandmauer zwischen seine Amtsführung als Erzbischof und einen pädokriminellen Priester ziehen. Ratzinger schreckt dafür nicht einmal davor zurück, die offenbare Unwahrheit zu sagen.
          Sind Genesene und Geimpfte immunologisch gleich?
47:21

          F.A.Z. Wissen – der Podcast : Brauchen Genesene jetzt noch eine Impfung?

          Mit Omikron könnten wir bald alle infiziert und die große Mehrheit "genesen" sein. Lohnt sich dann noch die Impfung? Aktuelle Studien zur Infektionsabwehr und zum Umgang mit dem eigenen Immunschutz.
          Abstimmung über die Impfpflicht: Abgeordnete werfen am Donnerstag in Wien bei einer Sitzung des Nationalrates ihre Stimmzettel ein.

          Impfpflicht in Österreich : Ist das der Weg aus der Pandemie?

          Das österreichische Parlament hat mit 137 von 170 Stimmen für eine allgemeine Impfpflicht gestimmt. Sie soll Anfang Februar in Kraft treten und ist bis 2024 befristet. FPÖ-Chef Kickl spricht von einem „Attentat auf die Menschenwürde“.