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: Wider die Konfektionsgröße

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Vor einem Vierteljahrhundert schrieb die Grande Dame der amerikanischen Historiker mit Breitenwirkung, Barbara Tuchman, eine Reportage über das Europa der Vorkriegszeit: "Der stolze Turm". Die Sammlung von Essays reichte von Richard Strauss über die Dreyfus-Affäre in Frankreich bis zu den Weekends der englischen Aristokratie.

          Vor einem Vierteljahrhundert schrieb die Grande Dame der amerikanischen Historiker mit Breitenwirkung, Barbara Tuchman, eine Reportage über das Europa der Vorkriegszeit: "Der stolze Turm". Die Sammlung von Essays reichte von Richard Strauss über die Dreyfus-Affäre in Frankreich bis zu den Weekends der englischen Aristokratie. Viele dieser Topoi begegnen uns auch in den Kapiteln von Philipp Blom wieder - mit dem einen Unterschied, Blom möchte sein Buch ganz explizit nicht als eine Geschichte der Vorkriegszeit aufgefasst wissen, nicht mit "teleologischen Vorurteilen" an sie herangehen. Der Leser möge sich vorstellen, er wüsste "nichts vom Mord in Sarajevo, von der Schlacht an der Somme". Daher versucht er uns nicht auf Schritt und Tritt eine neue Lesart zu präsentieren, warum alles so kommen musste, sondern versteht es, den Leser aufs Glatteis zu führen: So geht es bei "Wagners Wahn" mitnichten um Richard, sondern um einen Namensvetter, der sich als schwäbischer Amokläufer in die Annalen einschrieb. Beim "politischen Mord 1914" geht es nicht um Franz Ferdinand, sondern um die zweite Frau eines französischen Ex-Premiers, Madame Caillaux, die kurzerhand einen Chefredakteur über den Haufen schoss, der in ihrem Vorleben schnüffelte.

          Eine zweite gedankliche Operation beruht vielleicht mehr auf einem Missverständnis. Blom möchte das Bild von der "guten, alten Zeit" korrigieren, nicht im Sinne desjenigen, der allzu souverän über den Vorurteilen der Vergangenheit thront, weil er so sehr in seinen eigenen gefangen ist, sondern weil er damit die Vorstellung einer ruhigen, konservativen, statischen Zeit verbindet. Deshalb auch der Buchtitel, der etwas unglücklich übersetzt wurde: "The Vertigo Years" soll den Rausch der Geschwindigkeit symbolisieren, der Übelkeit verursacht, wie das unscharfe Foto des Rennautos auf dem Titelbild. "Der taumelnde Kontinent" ruft da ganz andere, mehr frühmorgendliche Assoziationen hervor. Die gute alte Zeit war eben deshalb so gut, weil sie dynamisch war, sprich: von einem rasanten Wirtschaftswachstum geprägt, während das Europa danach, für vierzig Jahre, von 1913 bis 1953, ökonomisch stagnierte - aus offenkundigen Ursachen.

          Freilich, Blom ist kein Wirtschaftshistoriker - und auch kein Fachmann der politischen Geschichte, wie Barbara Tuchman das war. Vom Schlieffenplan verstand sie mehr. Bloms politische Interpretationen sind oft erstaunlich naiv oder gewagt. Die sozialpsychologische Schiene erklärt komplexe historische Konstellationen nur unzureichend. Jede Generation stellt neue Fragen an die Geschichte: Ob die gefährdete "männliche Identität" - eine von Bloms Lieblingsthemen - viel zum Verständnis der Dreyfus-Affäre beiträgt (wie das eine amerikanische Dissertation vorgibt), ließe sich dennoch bezweifeln. War zwischen 1900 und 1914 die "vielleicht profundeste Umwälzung der Lebenswelt der Wandel im Verhältnis zwischen Männern und Frauen" - oder behauptet das bloß jede Generation aufs neue, vom erzwungenen Emanzipationsschub der Kriegsjahre bis zum Pillenknick? Bleiben wir beim "Vielleicht".

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