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: Wer hat Angst vor Bummi Bär?

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Aus sowjetischer Perspektive befreite die Rote Armee am 8. Mai 1945 die Deutschen von Faschismus und Kapitalismus. Den Machthabern in Moskau und ihren Satrapen in Ost-Berlin lag nach Kriegsende daran, aus ehemaligen Feinden Freunde zu machen und durch das neue gemeinsame Feindbild des kapitalistischen Westens Gemeinschaft zu stiften.

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          Aus sowjetischer Perspektive befreite die Rote Armee am 8. Mai 1945 die Deutschen von Faschismus und Kapitalismus. Den Machthabern in Moskau und ihren Satrapen in Ost-Berlin lag nach Kriegsende daran, aus ehemaligen Feinden Freunde zu machen und durch das neue gemeinsame Feindbild des kapitalistischen Westens Gemeinschaft zu stiften. Konnte aber mit Hilfe des Befreiungsmythos wirkliche Versöhnung zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern stattfinden? Silke Satjukow untersucht die Rituale am jährlichen "Tag der Befreiung" in Film und Fernsehen, in der Schule und in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Sie interessiert, wie man den Mythos vermittelte und wie die Begegnungen zwischen stationierten Sowjetsoldaten und Ostdeutschen verliefen.

          Trotz ritualisierter Schuldbekenntnisse, Dankesbekundungen und Treueschwüren, trotz der Übernahme des sowjetischen Gesellschaftssystems der Befreier haftete den Ostdeutschen die "Erbsünde" an, sich nicht selbst von Hitler und dem faschistischen Regime abgewendet zu haben. Darüber hinaus vergaßen sie über lange Zeit die Greuel der Besatzer nicht. Die Ostdeutschen standen zudem vor der schweren Aufgabe, das verinnerlichte "bipolare Weltverständnis" des Nationalsozialismus (gute Deutsche - böse Sowjets) gegen das ebenso bipolare Gedankenkonstrukt der Sowjets (gute Sowjets - böser Westen) austauschen zu müssen. Die Einübung dieses Freund-Feind-Schemas, so weist die Autorin nach, erfolgte von Kindesbeinen an: Mit Hilfe von Sympathiefiguren wie dem Bären "Bummi" im gleichnamigen Kleinkindermagazin wurden die Jüngsten zur deutsch-sowjetischen Freundschaft und zum Hass gegenüber dem "bösen" Westen erzogen, der noch nicht den "Glücksschlüssel" von "Väterchen Lenin" besitze. In der Schule widmeten sich insbesondere Lesebuch und Geschichtsunterricht dem Befreiungs-Mythos und dem internationalen Klassengegensatz.

          Die Förderung der deutsch-sowjetischen Freundschaft erfolgte allerdings nur vordergründig: Der verpflichtende Russischunterricht war wegen der nicht erwünschten Kommunikation mit Muttersprachlern nur wenig effektiv; die alltägliche Präsenz der stationierten Soldaten gestaltete sich nicht zum "Lernort" für Versöhnung und Freundschaft. Hatten die Soldaten ein dürftiges und negativ geprägtes Bild von besetztem Land und Leuten, behielten auch umgekehrt die wenigen, meist beruflich bedingten Einblicke der Ostdeutschen in das sowjetische Kasernenleben lediglich den oberflächlichen Charakter von Momentaufnahmen. Die Möglichkeiten, in Kontakt zu treten, waren streng reglementiert. Zwar organisierte die 1949 gegründete Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, der die DDR-Bürger mehrheitlich, aber oft unfreiwillig beitraten, Treffen. Diese entwickelten sich eher zu "steifen, nur mittels Dolmetschern und Wodka erträglichen Kaffeetafeln und Kulturprogrammen". Echte Freundschaften waren gar nicht gewollt.

          Das ernüchternde Resümee lautet: Die von oben verordnete Freundschaft unter Ungleichen ohne die notwendige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ließ die sowjetischen Soldaten wie die deutsche Bevölkerung nach dem "Ziehharmonika"-Prinzip des Sichannäherns und Voneinanderabwendens agieren. Nur über unerlaubte Wege wie illegale Tauschgeschäfte oder über die Arbeit von Offiziersfrauen in privaten Betrieben entstanden vereinzelt engere (von der Autorin leider nicht näher erläuterte) Bindungen, die zu Gesten der Versöhnung führten, allerdings ohne Nachhaltigkeit. Letztlich blieb also die "Befreiung" des Jahres 1945 für die Ostdeutschen nur ein Mythos. Als aber das SED-Regime ein Übergreifen von "Glasnost" auf die DDR konsequent zu verhindern suchte, wurden die stationierten Sowjetsoldaten für Teile der Bevölkerung nunmehr zu Hoffnungsträgern einer zweiten, einer echten Befreiung.

          War den Ostdeutschen schon bald nach 1945 bewusst geworden, dass es sich wieder um ein totalitäres System handelte? Eine Antwort auf diese im Buchtitel implizierte Frage bekommt der Leser nicht. Der Begriff "Befreiung" bleibt in seiner vielschichtigen Bedeutung als Mythos, als Gefühl, als Voraussetzung für Vergebung oder Freundschaft bisweilen undeutlich. Der für einen Historiker stets schwierigen Aufgabe, menschliche Empfindungen zu erfassen, begegnet die Autorin mit überaus langen Zitaten. Gegenüber solchen deskriptiven Passagen wirken die analytischen Ausführungen durch sehr spezifisches Fachvokabular manchmal übertrieben.

          HENRIETTE SCHUPPENER

          Silke Satjukow: Befreiung? Die Ostdeutschen und 1945. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2009. 288 S., 29,90 [Euro].

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