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: Wenn der Blick auf das Ganze fehlt

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Zwei Bücher über Antisemitismus. Beide stellen ihn in Abrede. Unterschiedlich allerdings das Areal, in dem er angeblich nicht vorkommt. Kurt Pätzold meint, es habe ihn in der DDR gar nicht gegeben. Moshe Zuckermann will darüber aufklären, dass der Begriff zum Herrschaftsinstrument degeneriert und dort ...

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          Zwei Bücher über Antisemitismus. Beide stellen ihn in Abrede. Unterschiedlich allerdings das Areal, in dem er angeblich nicht vorkommt. Kurt Pätzold meint, es habe ihn in der DDR gar nicht gegeben. Moshe Zuckermann will darüber aufklären, dass der Begriff zum Herrschaftsinstrument degeneriert und dort gar nicht gestattet ist, wo er instrumentell eingesetzt wird: Berechtigte Israelkritik werde durch seinen unberechtigten Einsatz abgeblockt. Auf eine Ebene werden die beiden aber wieder gebracht durch ihre kämpferische Diktion. Zuckermann lässt nicht einmal die trivialste Alltagspolemik aus. Da ist die Rede vom "Politikfurz", vom "Elefant im Porzellanladen", von "Hardcore-Siedlern", "politischer Paranoia" und immer wieder von "besudeln" der Shoa-Erinnerung - dies sogar durch "Besudelungsspezialisten".

          Was bringt den 1949 geborenen Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv derartig in Rage? Er sieht durch die Instrumentalisierung des Wortes "Antisemitismus" das Projekt Israel gefährdet. Den Begriff will er in unmittelbare Nähe zur Shoa gestellt wissen, die unbestritten einzigartig auch einen einzigartigen Begriff erheische. Dabei sei es zunächst einmal der Zionismus selbst, der den Begriff gefährdet habe, schon in der Gründungsphase des Staats. Da habe man sich auf einen neuen Typus Jude festgelegt, auf einen kampffähigen, siedlungsstarken; die puren Opfer der Shoa, die Gedemütigten, Gebrochenen - mit denen habe man wenig anfangen können. So habe zum Beispiel Golda Meir 1958 weitere "Behinderte und Kranke" aus Polen abgewiesen. Nahum Goldmann, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, habe sogar jedem Staat in seiner Gründungsphase "das Recht zu einer gewissen Grausamkeit" konzediert, und Zimmermann lässt das angesichts der bekannten Zwänge sogar gelten. Wie aber sei verfahren worden, nachdem der Staat gegründet war? Dass dann der "Antisemitismus" zum Kampfinstrument gegen jede Israelkritik umgebogen wurde, macht Zuckermann ausführlich an mehreren Beispielen klar, so an der Rede des Premierministers Netanjahu vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen im Herbst 2009: "Antisemitismus" steuere die israel-skeptischen Mitgliedsstaaten, dies sei eine "Verhöhnung der UN-Charta"; so rede der Repräsentant eines Staates, der selbst "die Beschlüsse der UN systematisch zu missachten pflegt". Da werde der rückständige iranische Feindstaat bezichtigt, alle ins barbarische 9. Jahrhundert zurückzwingen zu wollen, und gleichzeitig verteidige Netanjahu das eigene Land, das sein Existenzrecht aus einem noch viel archaischeren Mythos ableite und durch diesen auch einen religiös grundierten "Siedler-Fundamentalismus" nähre. Da stehe ein Ministerpräsident, der den südafrikanischen Richter Goldstone wegen seines ebenso kritischen wie ausgewogenen Berichts über den Gaza-Krieg sogleich als Antisemiten schmähe und überhaupt Israels Außenpolitik damit beginnen lasse, "in alle Richtungen mit ,Shoa', ,Antisemitismus' und anderen verwandten Ideologemen als leere Worthülsen herumzuschleudern".

          In einem zweiten, Deutschland gewidmeten Teil des Buches zeigt Zuckermann, dass die schuldbewussten Deutschen ohne jede Abweichung der vorgegebenen Linie folgen. Vorgeführt wird das an vielen Beispielen und an der breit interpretierten Rede der Bundeskanzlerin Merkel in der Knesset vom März 2008. Da zeige sich: "Was einen im Rahmen der deutsch-israelischen Beziehungen irritieren darf, bestimmen stets die Israelis, denn sie haben den Deutschen voraus: das stets abrufbare Opfer-Kapital." Natürlich erinnert Zuckermann an die Walser-Bubis-Debatte, er zieht auch gewissenhaft die einschlägige Literatur bei, zeigt, wie ein Protest gegen den Auftritt des israel-freundlichen Dokumentarfilmers Claude Lanzmann sofort einen Sturm der Entrüstung hervorruft, Beifall hingegen die erzwungene Absage von Norman Finkelstein, dem Verfasser des Buches über die "Holocaust-Industrie", und die Ausladung von Ilan Pappe, der über "Die ethnische Säuberung Palästinas" zur Zeit der Staatsgründung bedenkliche Fakten zutage gefördert hat.

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