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: Weimarer Dolchstoßsyndrom

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Boris Barth: Dolchstoßlegenden und politische Desintegration. Das Trauma der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg 1914-1933. Droste Verlag, Düsseldorf 2003. 625 Seiten, 49,80 [Euro]."Wir waren am Ende! Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmen Hagen, so stürzte unsere ermattete ...

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          Boris Barth: Dolchstoßlegenden und politische Desintegration. Das Trauma der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg 1914-1933. Droste Verlag, Düsseldorf 2003. 625 Seiten, 49,80 [Euro].

          "Wir waren am Ende! Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmen Hagen, so stürzte unsere ermattete Front; vergebens hatte sie versucht, aus dem versiegenden Quell der heimatlichen Kraft neues Leben zu trinken." Hindenburgs Dolchstoß - Lyrik prägte das Geschichtsbild jener Generationen, die es zu einer Wiederholung dieser Schande nie mehr kommen lassen wollten und deswegen am Ende des Zweiten Weltkrieges nun "bis fünf nach zwölf" kämpften : "mit reinem Schild und unbefleckter Flagge", wie es der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine Erich Raeder ausdrücken sollte. Das Gespenst einer neuen Dolchstoßlegende stand hinter dem Wüten der SS, der Gestapo, des Freislerschen Volksgerichtshofes, aber auch von Generälen vom Zuschnitt eines Ferdinand Schörner in der Schlußphase des Zweiten Weltkrieges. Selten hat eine historische Legende blutigere Folgen gehabt. Die vom Dolchstoß ist also kein bloßes Aperçu des Kriegsendes von 1918, sondern tatsächlich, wie es der Titel dieses Buches formuliert, ein "Trauma", das vielleicht schwerwiegendste in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

          Längst hat die Forschung erwiesen, daß die Dolchstoßlegende keineswegs auf Hindenburg allein zurückgeht, sondern von diesem nur besonders wirkungsvoll popularisiert worden ist. Boris Barth kann auf der Grundlage einer überwältigenden Materialfülle nachweisen, daß die Masse des Volkes schon seit den Schlachten an der Somme und in Flandern, vollends ab dem Sommer 1917, die Nase von der Schlächterei des Krieges so voll hatte, daß sie nur noch auf das Kriegende sann - wie immer dies auch aussehen mochte. Der größte Teil der Bevölkerung glaubte seit dem Januar 1918 nicht mehr an den großen Endsieg, und dementsprechend nahm an der "Heimatfront" all das zu, was später dem "grimmen Hagen" angelastet wurde. Und dennoch: Das Frontheer brach erst nach dem militärischen Scheitern der "Michael"-Offensiven, also seit Juli/ August 1918 zusammen - allerdings viel gründlicher, als es die späteren heroischen Legenden vom "unbesiegten Heer" wahrhaben wollten, an der Persönlichkeiten wie Friedrich Ebert, Erich Ludendorff, Wilhelm Groener und Heinrich Brüning aus ganz unterschiedlichen Motiven mitwirkten.

          "Genau in dem Moment", faßt Barth die Berichte der Stellvertretenden Generalkommandos zusammen, "in dem die Hoffnung auf einen entscheidenden Sieg im Westen enttäuscht wurde, kollabierte das System des Kaiserreiches unwiderruflich." Dabei ist es bemerkenswert, daß entgegen bisheriger Annahmen die Bevölkerung keineswegs aus den Wolken fiel, als sich die OHL dazu bequemte, ihr reinen Wein einzuschenken und den Verlust des Krieges zuzugeben: Wer wollte, hatte sich jederzeit durchaus realistisch über den Stand der militärischen Dinge informieren können, da bedurfte es gar nicht des Lesens "zwischen den Zeilen", ein Abonnement der "Vossischen Zeitung" genügte. Auch ausländische Zeitungen blieben verfügbar - Harry Graf Keßler beispielsweise erhielt in München bis zum Kriegsende pünktlich sein Abonnement der Londoner "Times"! Warum also konnte die Dolchstoßlegende dennoch zum plausibelsten Erklärungsmuster für die militärische Niederlage werden?

          Sieht man vom Phänomen der "verdrängten Niederlage" ab, so zum einen, weil linksradikale Demagogen und Politiker im Umfeld von USPD, Spartakus und Kommunisten sich selbst in Anlehnung an die Vorgänge in Rußland des antimilitaristischen "Dolchstoßes" rühmten und sich zu lauter deutschen Lenins und Trotzkis zu stilisieren suchten, obwohl ihr Anteil am Zusammenbruch nur minimal gewesen war. Zum anderen, weil deren erbittertste rechtsradikalen Feinde diese frei erfundenen Legenden als blanke Wahrheit und "Beweis" für den "Dolchstoß" nahmen, was Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Kurt Eisner und viele andere aus der linksextremen Szene das Leben kostete, während Mörder wie etwa Graf Arco-Valley als tragische Helden gefeiert wurden.

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