https://www.faz.net/-gqz-wy25

: Warum tötet Zaid?

  • Aktualisiert am

Jürgen Todenhöfer hat ein zorniges Buch geschrieben. Genaugenommen hat er unter dem Titel "Warum tötest Du, Zaid?" drei Komplexe abgehandelt. In einem "etwas anderen Vorwort" erzählt er, wie vor Jahrzehnten sein Interesse an der islamischen Welt entstanden ist, und kritisiert die seiner Meinung nach historisch ...

          3 Min.

          Jürgen Todenhöfer hat ein zorniges Buch geschrieben. Genaugenommen hat er unter dem Titel "Warum tötest Du, Zaid?" drei Komplexe abgehandelt. In einem "etwas anderen Vorwort" erzählt er, wie vor Jahrzehnten sein Interesse an der islamischen Welt entstanden ist, und kritisiert die seiner Meinung nach historisch und politisch verdrehte Sicht, die wir von ihr haben - nicht zuletzt deshalb, weil die meisten Westler nur ungenügende oder regierungsamtlich manipulierte Informationen kennen. Der "spin", mit dem die Bush-Regierung das Meinungsklima beeinflusst hat, um den Irak-Krieg zu rechtfertigen, ist ihm das neueste Beispiel dafür; die Methoden, mit denen versucht wurde, "embedded journalists", also Reporter, die im Schutz der amerikanischen Streitkräfte aus dem Irak berichteten, zu beeinflussen, geben ihm in vieler Hinsicht recht.

          Der zweite, der eigentliche Hauptteil des Buches, etwa 120 Seiten stark, ist das Ergebnis einer Reise, die Todenhöfer, verkleidet als deutscher Arzt, also "undercover", nach Ramadi, in die irakische Provinz Anbar, unternommen hat. Den größten Teil dieses Berichts nimmt die Wiedergabe von Gesprächen ein, die er dort mit Aufständischen geführt hat, die sich als "irakischer Widerstand" gegen die Besatzer bezeichnen.

          Der dritte Komplex des Buches ist ein flammendes Plädoyer für eine gerechte Behandlung der Muslime, an denen sich der Westen jahrhundertelang versündigt habe: Die Überschrift "10:1" dieses "sehr persönlichen Nachwortes" bringt die Zahl der getöteten muslimischen Zivilisten seit dem Beginn der Kolonialzeit in Relation zu den Opferzahlen in der westlichen Welt. Es folgt noch ein Anhang, in dem Zitate aus Bibel und Koran einander gegenübergestellt werden.

          Todenhöfers Plädoyer für eine gerechtere Betrachtung des Verhältnisses zwischen islamischer Welt und Westen ist bewusst einseitig: Der Autor zählt, mit anwaltlich-anklagender Geste, alle Sünden des Westens von der Kolonialzeit bis zum Irak-Krieg auf. Die Fakten und Quellen sind nachprüfbar und stimmen; allerdings werden entlastende Argumente nicht zugelassen. Diese Einseitigkeit soll politisch aufrütteln, deshalb hat Todenhöfer seine Thesen auch in selbst finanzierten Anzeigen in der "New York Times" und in dieser Zeitung veröffentlicht. Ob diese Geste des Anklagens in ihrer Parteilichkeit nicht das Gegenteil bewirkt, weil der Autor als Sektierer abgetan werden kann, wird man sehen.

          Der spannendste Teil des Buches ist die Beschreibung seiner abenteuerlichen Reise von Damaskus nach Ramadi, einer Stadt in der hauptsächlich von Sunniten bewohnten irakischen Provinz Anbar, die eine Hochburg der Al-Qaida-Terroristen war. Todenhöfer schildert das Leben einiger Einwohner dieser Stadt unter dem permanenten Ausnahmezustand der Besatzung, vor allem aber gibt er - schmucklos, in indirekter Rede - seine Gespräche mit Aufständischen wieder.

          Da zeigt sich ein Muster: Fast alle sagen, sie hätten in militärischen Aktionen der Amerikaner Angehörige verloren. Ihr Widerstand nährt sich aus einer Mischung, in der sich Rachegefühle und Demütigungserfahrungen verbinden. Von einer Verbesserung - im Sinne von Befriedung - der Lage in Ramadi hat Todenhöfer nichts gesehen. Die Amerikaner und die irakische Armee beherrschen ein Planquadrat im Stadtzentrum, in den Rest der Stadt und ihre Außenbezirke trauen sie sich, wenn überhaupt, nur tagsüber und schwer bewaffnet.

          Man hätte sich gewünscht, dass Todenhöfer manche Aussagen seiner Gesprächspartner überprüft oder wenigstens kritisch hinterfragt hätte: Stimmt es wirklich, dass die Heckenschützen, die den Bruder von Zaid oder die Angehörigen anderer Gesprächspartner ermordet haben, amerikanische Soldaten waren? Geht im Irak nicht eine Vielzahl von Opfern auf das Konto der Killer von Al Qaida? Naiv muten angesichts der politischen Konstellation die Beteuerungen von Todenhöfers Gewährsleuten an, zwischen Schiiten und Sunniten im Irak gebe es erst mörderische Spannungen, seit die Amerikaner sich eingemischt hätten. Dass auch Christen im irakischen Widerstand gegen die Besatzung seien, mag in Einzelfällen stimmen, wirkt aber angesichts der massiven Vertreibung und vieler Morde wenig glaubwürdig. Zweifel dieser Art kommen einem bei fast jedem von Todenhöfers Gesprächspartnern.

          Insofern ist auch sein Bericht aus Ramadi ein Plädoyer, eine parteiische, eine einäugige Sicht der irakischen Realität. Doch er hat den persönlichen Mut aufgebracht, an einem Ort und bei Leuten zu recherchieren, welche die unter militärischem Schutz arbeitenden Journalisten üblicherweise nicht zu sehen bekommen. Insofern hat sein Buch das Verdienst, den unvollständigen Kenntnissen, die wir von der irakischen Realität haben, andere, unterdrückte oder zumindest wenig bekannte Facetten hinzuzufügen.

          Jürgen Todenhöfer: Warum tötest du, Zaid? C. Bertelsmann Verlag, München 2008. 336 S., 19,95 [Euro].

          Weitere Themen

          Charisma trifft Freundlichkeit

          Obama bei Lanz : Charisma trifft Freundlichkeit

          Der ehemalige amerikanische Präsident Barack Obama ist auf Medien-Tour. Auch der geübteste Fragensteller des deutschen Fernsehens darf mit ihm sprechen. Markus Lanz entlockt ihm keine Geheimnisse, wird aber der Persönlichkeit gerecht.

          Teufelspakt im Fadenkreuz

          Der „Tatort“ wird fünfzig : Teufelspakt im Fadenkreuz

          Fünfzig Jahre „Tatort“: Die Doppelfolge zum Jubiläum ist ein Gipfeltreffen zwischen Dortmund und München und maßlos überbesetzt, aber erzählerisch und ästhetisch stark. So darf es weitergehen. Bis 2070.

          Topmeldungen

          Hier soll Impfstoff abgefüllt werden: im Werk des Impfstoffherstellers IDT Biologika in Dessau-Roßlau

          Wer? Wann? Wo? : Was Sie über die Corona-Impfung wissen müssen

          Bald soll es losgehen mit der Impfung: Kann man sich aussuchen, welchen Impfstoff man bekommt? Wie wirken mRNA-Vakzine? Was ist mit Nebenwirkungen? Und muss man sich aktiv um einen Impftermin kümmern? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.