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: Wagnis Wiener Wende

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Als Wolfgang Schüssel und Susanne Riess-Passer mitsamt Kabinett aus ÖVP und FPÖ am 4. Februar 2000 dem Wiener Untergrund entsteigen, treten sie dem versteinert dreinblickenden Bundespräsidenten Klestil in staubigen Schuhen gegenüber. Nach der Vereidigung stößt man mit Orangensaft und Leitungswasser ...

          Als Wolfgang Schüssel und Susanne Riess-Passer mitsamt Kabinett aus ÖVP und FPÖ am 4. Februar 2000 dem Wiener Untergrund entsteigen, treten sie dem versteinert dreinblickenden Bundespräsidenten Klestil in staubigen Schuhen gegenüber. Nach der Vereidigung stößt man mit Orangensaft und Leitungswasser auf das denkwürdige Ereignis an, welches drei Jahrzehnte SPÖ-Dominanz sowie die zweite großkoalitionäre Phase in Österreich nach 1945 abrupt beendet. Erstmals seit 1970 ist wieder ein ÖVP-Chef an der Spitze der Regierung, und zugleich wird das erste schwarz-blaue Bündnis im Bund eingeläutet. Draußen skandiert derweil das entfesselte Gutmenschentum "Schüssel, Haider an die Wand" - und für das Land beginnen quälende Monate, weil die übrigen EU-Regierungen "Sanktionen" verhängen.

          Die "Wende" ist dramaturgischer Höhepunkt des Buches, dem der Verlag im Klappentext den Stempel "Kanzlerprotokolle" aufdrückte. Kanzler ist Schüssel seit Anfang 2007 nicht mehr; eigenem Bekunden zufolge dachte er nach der Nationalratswahl 1999 auch nicht daran, es zu werden: "Die Macht selber hat mich nie so gereizt, wie man glauben mochte." Im damaligen Wahlkampf kündigt er angesichts verheerender Umfragen an, wenn die von ihm seit 1995 geführte ÖVP - seit 1987 in mehr oder weniger freudloser "Juniorpartnerschaft" mit der SPÖ - "nicht mindestens Zweite" werde, gehe sie in Opposition. Sie wurde Dritte, wenn auch mit nur 415 Stimmen hinter dem FPÖ-Ergebnis knapp, weshalb er Maria Schaumayer, der vormaligen Nationalbankpräsidentin, und Waltraud Klasnic, Regierungschefin der Steiermark, die Kanzlerschaft anbot; beide lehnten ab. Weil die SPÖ seit Franz Vranitzky die Freiheitlichen unter Jörg Haider ausgrenzte, bemühte sich Schüssel daher - "zum Wohle des Landes", der "europäischen Vision" und "im Glauben an die Kraft der Reform", seinen "Leitsternen, wie er darlegt - zunächst dennoch um eine Neuauflage der ungeliebten rot-schwarzen Koalition. Der Versuch scheiterte am durchsetzungsschwachen SPÖ-Vorsitzenden Viktor Klima, mehr noch an Gewerkschaftsbossen in der SPÖ-Fraktion.

          Rasch kam dann die Koalition mit der FPÖ zustande, obwohl Schüssel laut eigenen Angaben keine Parallelverhandlungen mit Haider führte. Beide waren sich einig, dass weder ÖVP noch FPÖ die von Klima - und Klestil - angestrebte SPÖ-Minderheitsregierung stützen wollten. Schließlich hatten Haider und die Freiheitlichen kein Problem damit, "zu 95 Prozent" das ursprünglich zwischen ÖVP und SPÖ ausgehandelte Regierungsprogramm zu akzeptieren, das weitgehend Schüssels Handschrift trug. Nun galt es, das widerspenstige Staatsoberhaupt zu zähmen. Klestil lehnte die Ernennung zweier für Ministerämter vorgesehener FPÖ-Politiker ab und verlangte, dass Kanzler und Vizekanzlerin wöchentlich, die übrigen Minister monatlich zum Rapport antreten; überdies wollte er in allen wesentlichen Personalentscheidungen mitreden. Am Morgen der Vereidigung damit konfrontiert, weigerten sich Schüssel und Frau Riess-Passer, Klestils Zehn-Punkte-Programm zu unterzeichnen. Der war darüber "sichtlich verärgert".

          Nachzulesen ist dies alles in Schüssels chronistisch angelegtem Rückblick, den der Journalist Alexander Purger in ein spannend zu lesendes Stück politischer Memoirenliteratur verwandelt hat. Zahlreiche Marksteine der "Ära Schüssel" sind erhellend anekdotisch, dabei pointiert und mitunter recht launisch abgehandelt: Wahlen und "Sanktionen"; Nulldefizit und Rentenreform; Bundesheer- und Hochwassernotstand; FPÖ-Desaster und ÖVP-Wahltriumph von 2002, der Schüssel anstatt in die "Beinahe-Koalition" mit den Grünen - sie scheiterte an der Frontstellung "Wiener Fundis gegen Parteispitzen-Realos" - wieder an die Seite der im Spaltungsprozess begriffenen Freiheitlichen führte; und sein Absturz 2006. Das Buch legt Ursachen und Wirkungen offen, es spart dosierte Selbstkritik nicht aus ("Der ÖVP-Wahlkampf 2006 wirkte reformmüde und elegisch") und rückt bisher unbekannte Begebenheiten aus der österreichischen Realverfassung und (politischen) Lebenswirklichkeit ins Bild.

          "Offengelegt", dem Schüssels Freund Helmut Kohl ein abrundendes Nachwort beisteuerte, enthält keine "Homestorys" und offenbart nur wenig über den im Wiener Stadtbezirk Hietzing verorteten Familienmenschen. Die gefällige, zahlreiche "Schmankerln" bereithaltende Publikation weitet hingegen den Blick auf einen Staatsmann, den man als bedeutende politische Gestalt zusammen mit dem Sozialisten Bruno Kreisky gleichsam in einem Atemzug nennen darf.

          REINHARD OLT

          Wolfgang Schüssel: Offengelegt. Aufgezeichnet von Alexander Purger. Ecowin Verlag, Salzburg 2009. 296 S., 24,- [Euro].

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