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: Voyeurismus und Sadismus

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Massen von KZ-Häftlingen waren in der Endphase des Zweiten Weltkriegs in den Straßen Deutschlands zu sehen. Die Alliierten rückten näher, und das System der Konzentrationslager öffnete sich durch die Evakuierungsmaßnahmen nach außen. Aber welches Ziel verfolgten die Nationalsozialisten? Warum ließ ...

          Massen von KZ-Häftlingen waren in der Endphase des Zweiten Weltkriegs in den Straßen Deutschlands zu sehen. Die Alliierten rückten näher, und das System der Konzentrationslager öffnete sich durch die Evakuierungsmaßnahmen nach außen. Aber welches Ziel verfolgten die Nationalsozialisten? Warum ließ man in Anbetracht der nahenden Niederlage die Gefangenen nicht einfach frei? Katrin Greiser weist zu Recht darauf hin, dass die Antworten vielschichtig sind. Für Heinrich Himmler, den "Reichsführer SS", blieben diese Menschen lediglich "Verfügungsmasse", ein Faustpfand für die Verhandlungen mit den Alliierten. Eine Abkehr vom übergeordneten Ziel der Vernichtung war damit sicher nicht verbunden. Vielmehr war eindeutig: Wenn Deutschland untergeht, dann sollen auch die Feinde nicht überleben.

          Frau Greisers Buch wird jedoch vor allem dadurch interessant, dass der Untersuchungsfokus auch auf das Verhalten der Zivilbevölkerung gelegt wird. Quellen aus der Endphase des Krieges sind leider kaum vorhanden. Dafür konnte die Autorin aber zahlreiche Berichte von Opfern und Aussagen von Tätern aus der Nachkriegszeit heranziehen. Die Bevölkerung wurde zum unmittelbaren Zeugen der letzten Verbrechen, die das nationalsozialistische Deutschland beging. Die Autorin zeigt auf, dass die SS auf die Bevölkerung zählen konnte. Die Menschen waren eben nicht nur von der Angst vor möglichen Repressionen geleitet. Auch die ideologische Prägung war von Bedeutung. Beispielsweise wurden die auf den Todesmärschen mit dem Leben Ringenden von deutschen Zivilisten als "Herde Wahnsinniger" bezeichnet.

          Die Studie zeigt zudem, dass in den Augenzeugenberichten bezüglich der Häftlinge nicht zwischen Juden und Nichtjuden differenziert wurde. Alle Gefangenen, gleichgültig welcher Herkunft sie waren, wurden auf den Todesmärschen als "Untermenschen" angesehen. Erschreckend ist dabei, dass selbst deutsche Kinder fasziniert von dem brutalen Vorgehen der Wachmannschaften waren. In einem Fall warfen sie Rübenstücke in eine Scheune, in der die Gefangenen untergebracht waren. Die Kinder wussten nicht nur, dass sich die unterernährten Häftlinge auf die kleinen Essensreste stürzen würden. Ihnen war ebenso bekannt, dass die Wächter sofort die Bluthunde auf sie hetzten, wenn nicht absolute Ruhe herrschte.

          Voyeurismus und Sadismus waren die Handlungsmotive dieser Kinder und auch mancher Erwachsenen. Auch wenn die meisten Deutschen passiv blieben, so waren manche in die Todesmärsche unmittelbar involviert. Beispielsweise war für die "Bewachung" der Gefangenen eben nicht nur die SS verantwortlich, sondern auch Zivilisten wurden zur logistischen Unterstützung hinzugezogen. Zum Teil beteiligten sich diese sogar an der Jagd auf Entflohene.

          Katrin Greiser sieht im empathielosen Handeln vieler Deutscher eine "Umlenkung von Aggressionen", die von der Frustration der nahenden Niederlage herrühre. Gegen die Alliierten sei man machtlos gewesen, aber ein Teil der Feinde konnte auch in den letzten Tagen noch bekämpft werden: die wehrlosen Häftlinge, die nicht selten aus nichtigsten Gründen ermordet wurden. Allein von den Buchenwald-Gefangenen waren auf den Todesmärschen mindestens 7800 Todesopfer zu verzeichnen. Betrachtet man nicht nur dieses eine Konzentrationslager und seine Außenlager, dann kann insgesamt von 250 000 bis 370 000 Toten in der Zeit von Januar bis Mai 1945 ausgegangen werden. Die Todesmärsche wurden damit zu einer "Variante des KZ-Systems".

          Hilfe gab es für die Opfer von der Zivilbevölkerung wenig - und wenn, dann eher von Frauen als von Männern. Die Unterstützung unter den Gefangenen scheint hingegen groß gewesen zu sein. Man habe die Nahrung geteilt, sich gegenseitig gestützt und Mut zugesprochen. Allerdings muss dabei vermerkt werden, dass die meisten von der Autorin herangezogenen Quellen aus der Zeit nach 1945 stammen. Die Amerikaner legten den Fokus ihrer Ermittlungen auf die Vergehen der KZ-Funktionäre, und auch die ehemaligen Häftlinge werden in dieser Zeit ihre Anklage auf die Täter und nicht auf die Mitgefangenen bezogen haben. An solchen Stellen hätte sich der Leser eine kritischere Einordnung und Analyse der Quellen gewünscht.

          Katrin Greiser untersucht auch die Aufklärungsarbeit der Amerikaner nach der Besatzung. Sie waren ganz offensichtlich vom Ausmaß der Verbrechen überrascht. Zudem war es kaum möglich, alle Delikte aufzuklären. Trotz mehrerer Anklagen gegen Verantwortliche wurden viele Fälle nicht vor Gericht verhandelt. Als problematisch erwies sich, dass die ermittelnden amerikanischen Behörden nur begrenzte Kenntnisse über die nationalsozialistischen Strukturen hatten. Dazu kamen partiell noch Verfahrensmängel, die den Eindruck von überforderten Behörden hinterlassen. So zog man - weil Beweise fehlten - eine große Zahl der KZ-Wachen nicht mehr zur Rechenschaft.

          Juristisch blieben die Taten auch zahlreicher deutscher Zivilisten folgenlos. Dass Katrin Greiser das inhumane Verhalten der Bevölkerung herausgearbeitet hat und die Opfer noch einmal hat zu Wort kommen lassen, ist das Verdienst dieser Studie.

          SÖNKE ZANKEL

          Katrin Greiser: Die Todesmärsche von Buchenwald. Räumung, Befreiung und Spuren der Erinnerung. Wallstein Verlag, Göttingen 2008. 544 S., 49,- [Euro].

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