https://www.faz.net/-gqz-oy11

: Vorstrukturierte Wahrnehmung

  • Aktualisiert am

Karolina Lanckoronska: Mut ist angeboren. Erinnerungen an den Krieg 1939-1945. Aus dem Polnischen von Karin Wolff. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2003. 312 Seiten, 29,90 [Euro]."Es wird leichter sein zu sterben mit der Gewißheit, daß eine von uns lebt und der Heimat von uns berichtet" - diese ...

          3 Min.

          Karolina Lanckoronska: Mut ist angeboren. Erinnerungen an den Krieg 1939-1945. Aus dem Polnischen von Karin Wolff. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2003. 312 Seiten, 29,90 [Euro].

          "Es wird leichter sein zu sterben mit der Gewißheit, daß eine von uns lebt und der Heimat von uns berichtet" - diese Worte gab ihr eine Leidensgenossin mit auf den Weg, als Karolina Lanckoronska kurz vor Kriegsende aus dem Konzentrationslager Ravensbrück entlassen wurde. Sie verstand die Worte als Auftrag. In den folgenden zwei Jahren brachte sie ihre erst jetzt publizierten Erinnerungen zu Papier, die das Leiden Unzähliger vor dem Vergessen bewahren und ihre eigenen Erfahrungen dokumentieren sollten, die sie sowohl mit dem nationalsozialistischen als auch mit dem sowjetischen Unrechtssystem gemacht hatte. Denn als die Sowjets gemäß der mit Hitler besiegelten polnischen Teilungspläne 1939 nach Westen drangen, wurde die ostpolnische Stadt Lemberg (Lwów) zunächst von Russen und Ukrainern besetzt.

          An der Lemberger Universität unterrichtete die damals 41jährige Frau Kunstgeschichte. Nach dem Tod des Vaters hatte die in Wien aufgewachsene Karolina Lanckoronska dessen polnischen Landbesitz geerbt und war dauerhaft dorthin umgesiedelt. Von dem sowjetischen Regime war die adelige Privatdozentin doppelt bedroht, schließlich begannen die Sowjets bald systematisch erst Bauern, dann Großgrundbesitzer, Ärzte und Offiziersfamilien gen Osten zu deportieren. Für die Lemberger Intelligenz lagen schon Listen bereit, doch vereitelte Hitlers Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 diese Pläne. Für viele Universitätsangehörige war das ein Aufschub, aber keine Rettung. 23 Dozenten wurden kurz nach der "Ankunft" der Deutschen aus den Häusern gerissen und fortgeführt.

          Daß die Verschollenen ermordet worden waren, erfuhr Lanckoronska aus purem Zufall. Selbst in die Fänge der Nationalsozialisten geraten, brüstete sich ihr gegenüber ein Gestapo-Angehöriger mit der Willkürtat. Das Wissen darum entschied ihr Schicksal: Der Exekution entging sie nur, weil eine Intervention der italienischen Königsfamilie sie zu einem privilegierten Häftling machte, aber an Freilassung war nicht mehr zu denken. Immerhin durfte sie Post empfangen und versenden und erhielt Lese- und Schreibmaterialien. So las sie im Lemberger Gefängnis Homer, derweil aus dem Hof Geräusche kamen, die auf Massenerschießungen schließen ließen. Da ein deutscher Polizeikommissar mit ihrer Zeugenaussage dem Gestapo-Schergen, dem die Professorenmorde anzulasten waren, das Handwerk legen wollte, wurde sie zur Zeugenvernehmung nach Berlin gebracht. Ihr persönlich brachte das keineswegs Vorteile, sondern die Verlegung ins KZ Ravensbrück ein. Mehr als zwei Jahre, vom 9. Januar 1943 bis zum 5. April 1945, verbrachte sie im größten Frauenkonzentrationslager, in dem rund 30 000 Häftlinge zu Tode geschunden wurden.

          Karolina Lanckoronska, die als Stuben- oder Blockälteste bald "Leitungsfunktionen" innerhalb der KZ-Insassenhierarchie einnahm, berichtet vom Martyrium der Frauen. Sie erzählt von den "Kaninchen", wie die Häftlinge zynisch die für Menschenversuche bestimmten jungen Frauen nannten; vom Tod durch Hunger und Entkräftung, vom Massensterben infolge der unhygienischen Zustände durch die Überbelegung, von "Aussonderungen" und Exekutionen, von Gaskammern beziehungsweise Gaswagen, die eilends in den letzten Kriegsmonaten noch errichtet worden waren. Dabei berichtet sie mit der merkwürdig distanzierten, emotionslosen Stimme der Chronistin, die sich von der individuellen Tragweite der Geschehnisse nicht berühren lassen will.

          Zugleich tragen ihre Schilderungen vom KZ-Alltag dazu bei, den Mythos einer Solidargemeinschaft der Opfer weiter zu demontieren. Klassen- sowie nationale Grenzen waren keineswegs aufgehoben, und groteskerweise übernahmen die Opfer die Klassifizierung der Täter, indem die von diesen aufgezwungene Markierung der Häftlingskleidung die Wahrnehmung vorstrukturierte. So sortiert die Autorin vielfach unreflektiert die Mithäftlinge nach den aufgenähten Symbolen und unterscheidet strikt die Polin von der Französin und diese von der Zigeunerin. Juden gelten als eigene Nation - überhaupt zieht sich durch das Buch manch antisemitisches Stereotyp.

          Der Text strotzt vor nationalen Klischees, wobei an der Vorliebe für Polen kein Zweifel gelassen wird. In irritierender Penetranz bemüht sich die Autorin um eine Idealisierung Polens sowie der eigenen Person. So kann man ihr nur wünschen, daß das hier skizzierte Selbstbild der aufopferungsbereiten, stets nur um das Wohlergehen anderer bemühten und noch in Gestapo-Verhören fröhlichen und schlagfertigen Soldatin für Polens Freiheit tatsächlich der Wirklichkeit entsprach - aber Zweifel bleiben, ebenso wie an der These, daß sich die Polinnen ausnahmslos mit heroischer Haltung und den Worten "Es lebe Polen" auf den Lippen haben erschießen lassen. Der wissenschaftliche Neuigkeitswert dieses in zuweilen holpriges Deutsch übertragenen Werkes ist gering, aber in Zeiten, in denen der Buchmarkt mit banalen Biographien überschwemmt wird, ragen diese Erinnerungen nicht nur wegen der Erlebnisse heraus, sondern auch als mentalitätsgeschichtliche Quelle für einen polnischen Nationalismus der Nachkriegszeit.

          BIRGIT ASCHMANN

          Weitere Themen

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Die Botschaft ist die Botschaft

          Deutsche Botschaftsgebäude : Die Botschaft ist die Botschaft

          Aushängeschilder des Landes: Christiane Fülscher studiert den deutsch-deutschen Bau von Auslandsvertretungen. Während anfänglich schüchterne Verwaltungsbauten dominierten, wurden die Architekten von den sechziger Jahren an selbstbewusster.

          Topmeldungen

          Krisenmanagement : Was man aus der Katastrophe lernen kann

          Nach der Flut mehren sich Stimmen, die fragen, wie man in Zukunft mit Katastrophen umgehen sollte. Es brauche moderne Tieflader, Bagger und Hubschrauber, sagt ein Krisenmanager. Das Kernthema bleibt aber das Training.

          Riesige Rauchwolke : Explosion im Chemiepark Leverkusen

          Im Chemiepark in Leverkusen hat es eine Explosion gegeben, mindestens vier Mitarbeiter wurden schwer verletzt. Noch werden fünf Arbeiter vermisst.
          Baroness Gisela Stuart 2015 im Wahlkampf in Birmingham

          Frankenberger fragt : Haben Sie die Folgen des Brexit unterschätzt, Baroness Stuart?

          Boris Johnson malt die Zukunft nach dem Brexit rosarot, aber die Brexit-Gegner sind weniger optimistisch. Wer hat Recht? Wir fragen nach bei der ersten „deutschen Lady“ im britischen Oberhaus, die die „Vote leave“-Kampagne anführte: Baroness Gisela Stuart.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.