https://www.faz.net/-gqz-veib

: Vornehmes Handwerk

  • Aktualisiert am

In einem seiner Briefe an Hugo von Hofmannsthal mokiert sich der einstige Schweizer Gesandtschaftsattaché Carl J. Burckhardt über Veteranen der diplomatischen Laufbahn, denen am Schluss nichts anderes mehr zu tun bleibe, als "apologetische Memoiren" zu schreiben. Burckhardt denkt dabei offenkundig ...

          In einem seiner Briefe an Hugo von Hofmannsthal mokiert sich der einstige Schweizer Gesandtschaftsattaché Carl J. Burckhardt über Veteranen der diplomatischen Laufbahn, denen am Schluss nichts anderes mehr zu tun bleibe, als "apologetische Memoiren" zu schreiben. Burckhardt denkt dabei offenkundig an ausrangierte Exzellenzen, denen daran liegt, die Unzulänglichkeit eigener Darbietungen auf dem diplomatischen Parkett hinterher zu beschönigen.

          Nun ist das Genre der diplomatischen Lebenserinnerungen bis heute nicht ausgestorben, und oft durchzieht weiterhin ein gewisses Rechtfertigungsbedürfnis die Reminiszenzen schriftstellernder Botschafter außer Dienst. Gegenstand apologetischer Erörterungen ist in neueren Büchern dieser Gattung allerdings nicht mehr so sehr die Qualität der persönlichen Leistungen der Autoren während ihres Wirkens im auswärtigen Dienst. Vielmehr fühlen heutige diplomatische Memorialisten sich zunehmend gedrängt, das Existenzrecht dieses Dienstes überhaupt zu verteidigen. Ganz abgesehen von der Effizienz moderner Kommunikationsmittel, sind es die wachsende Bedeutung supranationaler Zusammenschlüsse, die Intensität zwischenstaatlicher Direktkontakte auf Beamten- und Ministerebene sowie die Häufigkeit von Begegnungen auch der Staats- und Regierungschefs, welche Zweifel an der Notwendigkeit eines diplomatischen Vertretungsnetzes traditionellen Stils nicht unberechtigt erscheinen lassen. Verständlich daher, dass das Bedürfnis, solche Zweifel zu zerstreuen, auch aus manchen Stellen des stattlichen Memoirenbandes herauszulesen ist, in dem ein Prominenter der diplomatischen Zunft, Franz Pfeffer, Botschafter in Warschau von 1985 bis 1987 und in Paris von 1987 bis 1991, Rückschau auf seine Laufbahn hält. Den Wert des flüssig geschriebenen Buches macht es nicht zuletzt aus, dass der Verfasser darin nicht nur Höhepunkte seines Wirkens evoziert, sondern auch Einblicke in Sinn und Methodik diplomatischer Alltagsarbeit vermittelt.

          Freilich verkennt Pfeffer nicht, dass der skizzierte Wandel der Zeitumstände die diplomatischen Vertretungen von einem Teil ihrer herkömmlichen Aufgaben entlastet hat. Aber er zeigt auch eindrücklich, welche neuen Tätigkeitsfelder sich ihnen aufgetan haben. Aus der Sphäre sorgsam gewahrter Diskretion und Exklusivität, in der sie einst ihr einigermaßen abgesondertes Eigenleben fristete, ist die bilaterale Diplomatie ein gutes Stück weit herausgetreten und hat sich der Öffentlichkeitsarbeit verschrieben. Im Bestreben, nicht nur bei den Behörden des jeweiligen Residenzlandes um Verständnis für die Anliegen und Positionen des eigenen Landes zu werben, bemüht sie sich um Medienpräsenz. Symptomatisch für diese Umorientierung ist etwa das von Pfeffer mehrfach geäußerte Bedauern, im damals noch kommunistischen Polen an jeglicher medialen Kontaktnahme mit dem einheimischen Publikum gehindert worden zu sein. Frustriert musste er etwa mitansehen, wie bedeutende deutsche humanitäre Leistungen zugunsten der notleidenden polnischen Bevölkerung in den staatlich gelenkten Medien konsequent verschwiegen wurden. Mit umso größerer Befriedigung erinnert er sich daran, wie er später als gefragter Referent und Teilnehmer an zahlreichen Diskussionsrunden dazu beitragen konnte, das Misstrauen zu zerstreuen, das die deutsche Wiedervereinigung in weiten Teilen der französischen öffentlichen Meinung zunächst hervorgerufen hatte. Der Akzeptanz der von Pfeffer in dieser Sache geleisteten Überzeugungsarbeit kam es zweifellos zugute, dass ein - jeden Nationalismusverdachts enthobener - engagierter Europäer es hier unternahm, französischen Zuhörern den künftigen grenzüberschreitenden Ertrag des deutschen Einigungsprozesses vor Augen zu führen.

          Das Zielpublikum, an das sich der Botschafter bei solchen Auftritten wandte, setzte sich vorwiegend aus Vertretern der französischen Wirtschaft und Finanz zusammen. Auch in der Pflege intensiver Kontakte zu Exponenten dieser Kreise und dem Bemühen, ihnen Gelegenheit zu direktem Gedankenaustausch mit Repräsentanten der deutschen Unternehmerschaft zu vermitteln, manifestiert sich die erwähnte Neuausrichtung der diplomatischen Tätigkeit: Wirkungsfelder, die einst am Rande des politiklastigen ambassadorialen Gesichtskreises gelegen hatten, erlangen zentrale Bedeutung. Wobei freilich anzumerken wäre, dass die Trennlinie zwischen politischer und wirtschaftlicher Sphäre gerade in Frankreich weniger klar gezogen werden kann als anderswo in Westeuropa.

          Pfeffer verwendet große Sorgfalt darauf, ihm erinnerungswürdig erscheinende Episoden aus seiner Berufspraxis detailreich zu schildern und unter Wiedergabe seinerzeit von ihm verfasster Aufzeichnungen und Redetexte zu dokumentieren. Die Geduld des profanen Lesers wird bei der Lektüre solcher Passagen wohl zuweilen etwas strapaziert, aber die Darstellung gewinnt so die Qualität einer Sammlung instruktiver Fallbeispiele zur Einführung in das diplomatische Handwerk. Nachwuchskräfte im Auswärtigen Amt sollten sich solche Unterweisung aus der stilsicheren Feder eines Meisters ihres Faches keinesfalls entgehen lassen.

          PAUL STAUFFER

          Franz Pfeffer: Ein Amt und eine Meinung. Botschafter in Polen und Frankreich. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 2006. 543 S., 19,90 [Euro].

          Weitere Themen

          Raus aus der Schieflage

          Atomstreit mit Iran : Raus aus der Schieflage

          In Biarritz gelang es Emmanuel Macron, Irans Außenminister an den Tisch zu holen, doch seitdem eskaliert der Atomstreit von Neuem. Ungeachtet jüngster Drohungen bemühen sich Berlin und Paris weiter um Verhandlungen.

          „Ich hatte viel Bekümmernis“ Video-Seite öffnen

          Gaechinger Cantorey : „Ich hatte viel Bekümmernis“

          Die Gaechinger Cantorey führt bei ihrer Bach-Pilgerreise in der Stadtkirche zu Weimar mit dem Schlusschor die Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 von Johann Sebastian Bach auf.

          Topmeldungen

          Spaniens amtierender Ministerpräsident Pedro Sanchez nach dem Treffen mit König Felipe

          Regierungsbildung gescheitert : Stillstand in Spanien

          Pedro Sánchez hat keine Mehrheit im Parlament. Zum zweiten Mal in diesem Jahr wird im November ein neues Parlament gewählt. Doch die politische Blockade könnte andauern.
          Demnächst möglicherweise seltener zu sehen: „Zu vermieten“-Schild an einem Haus in Berlin-Schöneberg.

          F.A.Z. exklusiv : Mietendeckel schadet den Mietern

          Der Mietendeckel in Berlin soll das Wohnen bezahlbar halten. Doch die Studie eines renommierten Forschungsinstituts zeigt jetzt: Tatsächlich könnte er genau das Gegenteil bewirken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.