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: Vor der Kriegswende beschlossen

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Christopher Browning: Die Entfesselung der "Endlösung". Nationalsozialistische Judenpolitik 1939-1942. Propyläen Verlag, Berlin 2003. 832 Seiten, 35,- [Euro].Die schlüssige Erklärung der physischen Vernichtung des europäischen Judentums gehört trotz einer kaum noch überschaubaren Fülle an Literatur immer noch zu den Herausforderungen der wissenschaftlichen Zeitgeschichte.

          Christopher Browning: Die Entfesselung der "Endlösung". Nationalsozialistische Judenpolitik 1939-1942. Propyläen Verlag, Berlin 2003. 832 Seiten, 35,- [Euro].

          Die schlüssige Erklärung der physischen Vernichtung des europäischen Judentums gehört trotz einer kaum noch überschaubaren Fülle an Literatur immer noch zu den Herausforderungen der wissenschaftlichen Zeitgeschichte. Christopher Browning, einer der führenden Spezialisten auf diesem Feld, hat mit seiner voluminösen Untersuchung einen grundlegenden Beitrag geliefert, der vor allem den Entscheidungsprozeß auf dem Weg zur "Realisierung des Utopischen" (Hans Mommsen) detailliert aufhellt. Der Band ist Teil einer von Yad Vashem herausgegebenen mehrbändigen Gesamtdarstellung des Holocaust.

          Der Autor beschränkt sich auf die ersten Kriegsjahre und bezieht dabei unterschiedliche Handlungsfelder ausführlich ein, aus denen sich schrittweise das Konzept der "Endlösung" herausgebildet hat. Die rasseideologischen Axiome des Nationalsozialismus und ihre ständige Wiederholung in Reden, Besprechungen, Direktiven und Befehlen gingen - wie eindrucksvoll gezeigt wird - mit der polykratischen Struktur des Herrschaftssystems eine enge Verbindung ein und verliehen so den mörderischen Zielen von oben und ihrer zum Teil eigenmächtigen Umsetzung von unten ihre spezifische Dynamik. Polykratische Interessen der beteiligten Institutionen und grundlegender Konsens über die von Hitler oft bewußt unklar gehaltenen Vernichtungsparolen sind überall erkennbar. Der alte, primär in der deutschen Historiographie mit Verve ausgetragene Interpretationsstreit zwischen "Programmologen" und "Strukturalisten" ist damit endgültig gegenstandslos. Es gab kein Vernichtungsprogramm von Anfang an, das planmäßig umgesetzt wurde. Die physische Ausrottung der Juden war aber auch nicht Funktion einer ziellosen Dynamik des Systems. Im Mittelpunkt stand Hitlers obsessiver Antisemitismus. Die "Judenfrage" war für ihn Ursache aller Probleme und auch "Schlüssel zu ihrer Lösung". Browning rückt Hitler ins Entscheidungszentrum des Prozesses der ständigen Radikalisierung unterschiedlicher Lösungsvorschläge, macht aber zugleich sehr deutlich, daß es zu ihrer Realisierung vieler Voraussetzungen bedurfte.

          Browning gelingt eine sehr überzeugende gedankliche Verbindung der häufig separierten Teilbereiche der nationalsozialistischen Rassepolitik: der Umsiedlung der Volksdeutschen, der Deportation und partiellen Liquidierung von Polen sowie der Verfolgung und Ermordung der Zigeuner und der Behinderten. Polen erhält dabei einen hohen Stellenwert in der Gesamtinterpretation. Es fungierte als Laboratorium der Vertreibungs-, Umsiedlungs- und Liquidierungspolitik mit dem Ziel einer völligen Neuordnung Osteuropas. Daß sich dabei kurz- und langfristige Pläne überschnitten und mehrfach in Konflikt gerieten, wird in der detaillierten Nachzeichnung des außerordentlich komplexen und widersprüchlichen Entscheidungsprozesses deutlich. Nach dem Ende des Feldzuges gegen Polen veränderten sich mehrfach die Planungen, was mit den besetzten Gebieten Polens geschehen und ob und wie ein "Reservat" für die Juden geschaffen werden solle. Vor diesem Hintergrund entwickelte insbesondere der "Madagaskar-Plan" (die Umsiedlung aller Juden auf die zum französischen Kolonialbesitz gehörende Insel) im Sommer 1940 eine hohe Faszinationskraft für nahezu alle relevanten Entscheidungsträger.

          Nachdem diese an die Kapitulation oder Verständigungsbereitschaft Englands gebundene Variante entfiel und auch die für die Lubliner Region zunächst vorgesehene Reservatsbildung gestoppt wurde, bildete die Vorbereitung des "Unternehmens Barbarossa" die nächste Stufe der Radikalisierung. In diesem Zusammenhang veränderte sich auch die von Browning eingehend erörterte Bildung der Gettos in Polen. Sie verlief nicht einheitlich und war zunächst nicht unmittelbare Vorstufe der "Endlösung". Das mit der Zusammenpferchung Hunderttausender auf engstem Raum entstandene Dilemma lautete für die Verwaltung "Produktion oder Hungertod", das heißt Ausbeutung der Arbeitskräfte oder Vernichtung durch völlig unzureichende Ernährung. In der Praxis des Gettolebens war es beides.

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