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Philippe Burrin: Warum die Deutschen? Antisemitismus, Nationalsozialismus, Genozid. Aus dem Französischen von Michael Bischoff. Propyläen Verlag, Berlin 2004. 140 Seiten, 16.- [Euro].Große Tragödien haben keine simplen Ursachen, aber sie werfen einfache Fragen auf - das ist die Hypothese des ...

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          Philippe Burrin: Warum die Deutschen? Antisemitismus, Nationalsozialismus, Genozid. Aus dem Französischen von Michael Bischoff. Propyläen Verlag, Berlin 2004. 140 Seiten, 16.- [Euro].

          Große Tragödien haben keine simplen Ursachen, aber sie werfen einfache Fragen auf - das ist die Hypothese des an der Universität Genf lehrenden Holocaust-Forschers Philippe Burrin, um den Mord an den europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg zu erklären. Warum ging der Genozid von Deutschland aus, das im antisemitischen Panorama Europas keineswegs für diese Rolle prädisponiert war? Warum wurde die Judenfeindschaft in der deutschen Gesellschaft nach 1933 zu einer "Norm", die es dem NS-Regime ermöglichte, seine Politik ohne nennenswerten Widerstand durchzusetzen? Und: Warum entschied man sich für die physische "Endlösung" der Judenfrage und damit gegen die Variante der territorialen "Endlösung"?

          Auf Basis einer tour d'horizon über die Entwicklung des europäischen Antisemitismus gelangt Burrin zu einer ersten Feststellung: Die Judenfeindschaft war keineswegs ein deutsches Spezifikum. Gleichwohl fand hier der Genozid statt, weshalb - so die Schlußfolgerung - hier Faktoren am Werk waren, die eine Politik des Völkermordes begünstigten. Burrin faßt sie zusammen unter dem Begriff des "kulturellen Codes". Er meint damit den Versuch, der "verspäteten" Nation durch Abgrenzung nach außen und durch Stigmatisierung des Fremden im Innern eine kollektive Identität zu verschaffen. Das unterschied Deutschland von anderen Vergleichsstaaten. Und dieses Streben nach ethnischer Homogenität, das im völkischen Nationalismus aufgipfelte, verband sich mit der überragenden Rolle, die die Religion in Form des Bündnisses zwischen Thron und Altar spielte. Anders als in Frankreich wurde der Ruf nach einer religiösen Purifizierung immer lauter. So forderten die Bewegungen der "Deutschen Christen" oder die der "Gottgläubigen Deutschen", die Religion von ihren jüdischen Wurzeln zu reinigen und auf rassischer Grundlage neu zu definieren. Hinzu trat als drittes deutsches Spezifikum das Traditionsmuster der autoritären Kultur: die überragende Bedeutung von Macht und Militär, die Propagierung deutscher Tugenden sowie der Umstand, daß die Liberalen vor dem Machtstaatsgedanken Bismarckscher Prägung kapitulierten. Dieses im 19. Jahrhundert virulente "Identitätsproblem" mündete, so der Befund, katalysiert durch den verlorenen Weltkrieg und die nie Wurzeln schlagende Weimarer Republik, in eine Identitätskrise, die Hitler und seinen krausen Ideen den Boden bereitete.

          Zentralen Erklärungswert für den zweiten Komplex hat für Burrin nicht etwa die Systemstruktur des Nationalsozialismus, sondern dessen Ideologie: der Sozialdarwinismus, die Rassenreinheit und das biologistische Geschichtsbild, die Hitler zu einem "rassisch-apokalyptischen Antisemitismus" verdichtete. Wie aber kam es dazu, daß dieses krude Wertesystem von der deutschen Gesellschaft adoptiert wurde? Hier versagt Burrins ideologiegestützte Hypothese. Denn die Faktoren, die er anführt: die Erfolge des NS-Systems, sein Anpassungs- und Einschüchterungsdruck, die Indoktrinierung der "Volksgemeinschaft", die Beseitigung der antisemitischen Barrieren und die zur Staatsdoktrin erhobene Diskriminierung der Juden, luden die deutsche Gesellschaft eben nur sekundär mit dem antisemitischen Gedankengut auf. Vor allem sind sie eher dem Wirkungsmechanismus des NS-Systems zuzuschreiben, als daß sie auf eine profunde ideologische Konversion hindeuten. Vorgänge wie der Judenboykott vom 1. April 1933, an dem sich deutlich machen ließe, wie stark Hitler unter dem Druck der antisemitischen Parteibasis stand und wie stark die Abwehrkräfte in der deutschen Gesellschaft waren, nimmt Burrin gar nicht zur Kenntnis. Die Deutschen, das muß auch er konstatieren, "wurden offenkundig nicht zu einem Volk radikaler Antisemiten". Vielmehr wurden sie durch den von oben verordneten Antisemitismus sukzessive korrumpiert und flüchteten sich unter dem Integrationsdruck des Weltkrieges in moralische Regression und Apathie.

          Bleibt die dritte Frage: die Ingangsetzung des Völkermordes im Weltkrieg. In der Forschung wogt seit Jahren der Streit, ob die seit dem Sommer 1941 ins Auge gefaßte physische "Endlösung" auf einen Befehl Hitlers zurückging oder der Ausweg aus dem Chaos war, in das sich das Regime mit den massenhaften Deportationen von Juden in den Osten selbst manövriert hatte. In dieser Alternative zwischen Intention und Situationsdruck hat Burrin nichts Neues zu bieten. Statt dessen postuliert er eine "Verinnerlichung der NS-Identität", die er bei den Exekutoren der "Endlösung", aber auch in der deutschen Gesellschaft ausmacht. Ursächlich hierfür war die apokalyptische Prophezeiung Hitlers vor dem Reichstag am 30. Januar 1939: das Ergebnis eines Weltkrieges werde nicht "der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa". Ganz so stromlinienförmig liegen die Dinge freilich nicht. Vor allem waren sie, jenseits der Ideologie, maßgeblich vom Kriegsgeschehen im Osten bestimmt. Wie anders ließe sich erklären, daß auf dem Höhepunkt der Siegeszuversicht, am 31. Juli 1941, Reinhard Heydrich beauftragt wurde, "alle erforderlichen Vorbereitungen für eine Gesamtlösung der Judenfrage in Europa zu treffen" - ein Schlüsseldokument, das Burrin mit keinem Wort erwähnt. Diese "Geschichtslektion auf höchstem Niveau" kann daher nicht voll überzeugen.

          RAINER F. SCHMIDT

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