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: Vielerlei Reich

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Katholische, konservative und radikalkonservative Emigranten bevorzugten zu Beginn des "Dritten Reiches" als Zielland besonders Österrreich, wo sich eine autoritäre Regierung nach einem ständestaatlichen Modell mit antiliberaler und antimarxistischer Tendenz ausrichtete. Mit dieser politischen Idee ...

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          Katholische, konservative und radikalkonservative Emigranten bevorzugten zu Beginn des "Dritten Reiches" als Zielland besonders Österrreich, wo sich eine autoritäre Regierung nach einem ständestaatlichen Modell mit antiliberaler und antimarxistischer Tendenz ausrichtete. Mit dieser politischen Idee setzten sie sich auseinander und knüpften dabei an eigene Überlegungen an, die bereits in der Weimarer Republik zur Überwindung der Krise diskutiert worden waren. Der Nachbarstaat Österreich versuchte stärker als die meisten übrigen Staaten Europas, Emigranten von seinen Grenzen fernzuhalten; schließlich weigerte sich die Wiener Regierung, mit den Vertretern des Völkerbunds über die deutschen Exilanten zu verhandeln. Dies traf vor allem Juden und Mitglieder der Arbeiterbewegung.

          Bei der Wahl des Fluchtziels Österreich spielte bei den katholischen und konservativen Emigranten neben der Sprache auch das politische System eine Rolle. Mit der Partizipation berufsständischer Selbstverwaltungsorgane am staatlichen Leben hatte sich selbst die Sozialdemokratie - hier in Form von "Kammern der Arbeit" und "Wirtschaftsräten" - auseinandergesetzt. Allerdings gab es zwei Varianten: Einerseits konnten diese Kammern eher als Ergänzung zum parlamentarischen System dienen und waren dann demokratisch zusammengesetzt, andererseits konnten sie dieses ersetzen, wobei deren Mitglieder vom Staat ernannt werden sollten. In katholischen Kreisen, basierend auf der christlichen Soziallehre, tauchten beide Varianten mit Übergängen auf, während bei radikalen Konservativen eher die autoritäre Richtung vorherrschte und in Richtung des italienischen Faschismus tendierte.

          Vor allem Emigranten aus dem katholischen Lager, die autoritären Modellen zuneigten, gewannen in Österreich einen gewissen Einfluss. Nach 1936 wandten sich jedoch einige wieder von der Wiener Regierung ab, weil Österreich allmählich zu einem Unterdrückungsstaat mutierte und Kanzler Kurt von Schuschnigg im Zuge seiner Annäherung an Deutschland die publizistische Tätigkeit der Emigranten einschränkte. Bei den Vorstellungen über ein zukünftiges Reich orientierten sich einige katholische Politiker am mittelalterlichen Heiligen Römischen Reich als idealer Ordnungsform. Die einen verstanden es als Reich deutscher Nation in Mitteleuropa unter Einschluss Österreichs, die anderen als übernationales und friedensschaffendes Gebilde. Bei den Letztgenannten spielte auch eine antipreußische Einstellung eine Rolle. Für sie stand Österreich im Mittelpunkt: eine föderale Donaumonarchie als Brücke zwischen Ost und West - langfristig sogar mit einem Habsburger an der Spitze. Außer Acht ließen sie sowohl die ablehnende Haltung in den Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns gegen solche territorialen Wunschbilder als auch die tiefe Abneigung gegen eine Restauration des verhassten Herrschergeschlechts.

          Die Donaumonarchie-Ansichten fanden in der österreichischen Regierung durchaus Widerhall. Die nationaldeutschen Überlegungen der katholischen Emigranten zusammen mit ständestaatlichen Ideen führten sogar zu vorübergehenden Kooperationsversuchen mit den radikalen Konservativen, wobei sich die gemeinsame Basis beider - die Gegnerschaft zum nationalsozialistischen Deutschland - als nicht tragfähig erwies. Vor allem die Renegaten unter den ehemaligen NSDAP-Anhängern gaben bei den zunehmenden Erfolgen Hitlers ihren Widerstand allmählich auf und strebten sogar eine Verständigung an. Nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich 1938 schloss sich ein Teil der deutschen Emigranten - vor allem diejenigen, die eine österreichorientierte Reichsidee vertraten - österreichischen Gruppen an und fand nach 1945 ihre politische Heimat in der Zweiten Republik. Die Autorin schließt mit ihrer Arbeit über das Exil katholischer und konservativer Kreise in Österreich eine wichtige Lücke in der Forschung und regt zu vergleichenden Studien in anderen Ländern an.

          FRANZ-JOSEF KOS

          Elke Seefried: Reich und Stände. Ideen und Wirken des deutschen politischen Exils in Österreich 1933-1938. Droste Verlag, Düsseldorf 2006. 594 S., 69,80 [Euro].

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