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: Viele Eisen im Feuer

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Hermann Kaienburg: Die Wirtschaft der SS. Metropol Verlag, Berlin 2003. 1200 Seiten, 49,- [Euro].Schon 1946 beschrieb der ehemalige Häftling Eugen Kogon den "SS-Staat" von innen her, indem er den rechtlosen und tödlichen Alltag in den Vordergrund stellte. Daß die SS aber auch eine wirtschaftliche Ausbeutungsinstanz darstellte, untersuchte 1963 Enno Georg gründlich.

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          Hermann Kaienburg: Die Wirtschaft der SS. Metropol Verlag, Berlin 2003. 1200 Seiten, 49,- [Euro].

          Schon 1946 beschrieb der ehemalige Häftling Eugen Kogon den "SS-Staat" von innen her, indem er den rechtlosen und tödlichen Alltag in den Vordergrund stellte. Daß die SS aber auch eine wirtschaftliche Ausbeutungsinstanz darstellte, untersuchte 1963 Enno Georg gründlich. Dabei kam deren krakenartig in die Wirtschaft wachsende Aktivität ans Licht, die vom Julleuchter zur germanischen Weihnacht bis zu bearbeiteten Natursteinen so ziemlich alles produzierte. Jetzt durchdringt Hermann Kaienburg das Dickicht der wirtschaftlichen Aktivitäten der SS und stellt die betriebswirtschaftliche Sicht von Unternehmen - also die der Täter - in den Mittelpunkt. Die SS wuchs von 1933, damals noch eine kleine "Schutzstaffel" für Hitlers Sicherheit, bis in die Kriegszeiten hinein explosionsartig an, indem Heinrich Himmler in allen Bereichen der Gesellschaft und Politik Ämter und Kompetenzen akkumulierte. Dazu gehörte auch eine wirtschaftliche Komponente. Schon im ersten Konzentrationslager Dachau ging es von 1933 an darum, zur Selbstversorgung beizutragen, durch Handwerksbetriebe, Gartenbau und Pflanzenzucht. Daneben fanden - persönlichen Interessen Himmlers entsprechend - kulturelle Aktivitäten statt, die vom "Ahnenerbe" über die Porzellanmanufaktur Allach bis zu einem reichhaltigen Verlagswesen führten.

          Richard Walther Darré, der wichtigste Blut-und-Boden-Ideologe neben Himmler, fungierte bis 1937 an der Spitze des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS. Er führte über den Reichsnährstand eine Neubauern- und Heimstättensiedlung durch, die bei der SS von Kurt von Gottberg in Ansätzen bis 1940 über die Reichsgrenzen getragen wurde. Am wichtigsten wurde aber Oswald Pohls Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der SS (WVHA), das die meisten anderen ökonomischen SS-Ansätze aufsog. Der Aufstieg des WVHA begann 1937 mit dem Bedarf an Baumaterial für Hitlers umfassende Pläne zur Neugestaltung deutscher Städte. Bis 1942 stand dann die Ausweitung von Konzentrationslagern für Ziegelsteinwerke und die Ausbeutung von Natursteinbrüchen im Vordergrund. Da arbeitete Albert Speer noch eng und vertrauensvoll mit Himmler zusammen. Hierdurch gleichsam auf den Geschmack gekommen, breitete sich das Konzentrationslagersystem unter Pohl zu einem riesigen europäischen Wirtschaftsunternehmen aus. Treuhänderische Übernahme von Firmen in Polen und anderen Ostgebieten ("Osti") kamen hinzu.

          Die wichtigsten Produktionszweige und WVHA-Bereiche bildeten die Deutschen Erd- und Steinwerke, die Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung, die Deutsche Lebensmittel GmbH sowie die Gesellschaft für Textil- und Lederverwertung, die alle nacheinander abgehandelt werden. Kaienburg läßt an der unmenschlichen Ausbeutung der Häftlinge in SS-Betrieben keinen Zweifel. Bei den SS-Betrieben konzentrierte sich alles auf den Gewinn, und dazu gehörten eben die billigen und bis zum Tode ausgebeuteten Häftlinge aller Kategorien.

          Nicht die Logik des Arbeitsmarktes (oder gar von kapitalistischen Interessen von Privatfirmen) stand nach Kaienburg im Vordergrund. Vielmehr klaffte dauerhaft ein Widerspruch zwischen Repression und Vernichtung beziehungsweise wirtschaftlichen Interessen, der nie aufgelöst wurde. Pohl und seine Leute dachten und handelten betriebswirtschaftlich: Die SS mußte sich finanzieren - über den Reichsetat hinaus. Genau das tat sie in ihren eigenen Betrieben. Daher nutzte sie Menschen extrem aus, suchte aber auch technische Innovationen einzusetzen. Die vielzitierte "Vernichtung durch Arbeit" sah jedoch komplizierter aus, als der Begriff nahelegt. In Konzentrationslagern wurde die eigentliche Lagerverwaltung lange Zeit von den wirtschaftlichen Betrieben ferngehalten - und entwickelte in ihrer schikanösen Alltagsorganisation wenig Sinn für wirtschaftliche Grundsätze. Nur wenige Zweige arbeiteten tatsächlich gelegentlich profitabel; die Ziegeleien von Oranienburg, als größte der Welt geplant, machten bei dilettantischer Anlage Verluste, die jeden Privatbetrieb in den Konkurs getrieben hätten. Kaienburgs Blick ist weitgehend auf die Binnenstruktur der SS-Wirtschaft fixiert. Schwierig zu verstehen sind die unzähligen betriebswirtschaftlichen Analysen, in denen die Perspektive Pohls und Himmlers eingenommen wird. Anders als die meisten Autoren versucht Kaienburg, das Kriegsende in den Untersuchungszeitraum einzubeziehen. Er erkennt für das Jahr 1942 die Grenzen von Himmlers Imperium. Das gilt zumal gegenüber dem System wirtschaftlicher Selbstverwaltung, das Speer in jenem Jahr einführte.

          Gerade Speer entfaltete in seinem letzten Buch "Der Sklavenstaat" (1981) die umgekehrte Vision, als er sich selbst rückblickend im Archiv über die Fernpläne der SS beugte: Die SS hätte demnach ganz Europa mit einem wirtschaftlich völlig ineffizienten Zwangssystem überziehen wollen. Das kommt bei Kaienburg überhaupt nicht vor. Wohl aber sucht er die Rationalität der ökonomischen Expansion der SS seit 1938/39 in einem Machtstreben Himmlers für die Zeit nach dem "Endsieg" zu erkennen, für den der "Reichsführer-SS" angesichts seines strategisch vorausschauenden Denkens "viele Eisen im Feuer" haben wollte. Kaienburgs Studie ist so materialreich, daß man im Gewirr der gestellten Fragen und trotz der Zwischenbilanzen leicht den Faden verliert. Entstanden ist ein Handbuch, in dem erst nach tausend Seiten endlich die "analytische Betrachtung" mit klugen und weiterführenden Deutungen folgt. Weniger wäre hier mehr gewesen.

          JOST DÜLFFER

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